Der Schwede zeigte mir von unserem Platz aus einige Brandungswellen, die man am Horizont wie den weißen Dampf aus einer Kanone über dem sonnenglänzenden Meeresspiegel aufsteigen sah. Dort prallte das Meer an unterirdische Klippen und sprang in haushohem Schaum zur Luft. Das tat es aber nur an Sturmtagen. An windstilleren Tagen kreiselte es, nur ein wenig aufspritzend, an jenen Meerstellen.
Am nächsten Morgen waren wir schon um vier Uhr aufgestanden. Ein Knecht hatte das Pferd geschirrt und den Wagen vors Haus geführt. Alles schlief noch. Die Mägde hatten vergessen, uns Milch ins Eßzimmer zu stellen, und so ging mein Freund selbst nach der Milchkammer, um uns einen Morgentrunk zu holen. Er kam aber gleich wieder, leise auf den Zehen gehend, und winkte mir verstohlen.
Um zur Milchkammer zu kommen, mußte man durch die große Mädchenkammer gehen. Und als ich hinter dem jungen Schweden dort eintrat, verstand ich lachend, warum er mich gerufen hatte. An den Wänden befanden sich in dem Raum drei pritschenartige schmale Betten, so schmal, daß sie kaum den üppigen Leib der Stall- und Küchendirnen fassen konnten, die da schliefen. Die Mädchen ließen die nackten Arme auf die Dielen herunterhängen, schöne stattliche Arme mit rosiger, zarter Haut, wie sie dem schwedischen Volke eigen ist.
Die lautlose Kammer im dämmerigen Morgenlicht, in der nur die Atemzüge der drei kräftigen Geschöpfe gutmütig auf- und niedergingen, war wie ein Bild aus Homers Zeiten. Ursprünglich, naturwüchsig und festlich irdisch war der Eindruck der gesunden, schlafenden Mägde, die da den Schlaf wie eine geweihte Mahlzeit vor uns genossen.
Während ich noch unter der Türe stand, ging der Schwede in die Milchkammer und holte den Milchkrug. Er konnte sich dann nicht enthalten, im Vorübergehen mit einem Löffel einige Tropfen Milch einer Magd auf den nackten Arm zu spritzen. Die so Gestörte öffnete die Augen, schien uns aber in ihrem angenehmen Schlafdunst für zwei Traumgesichter zu halten. Sie erschrak gar nicht, rückte auch die Arme nicht von der Stelle. Sie lächelte ein wenig, schloß die Augen und atmete weiter.
Wir schlossen wieder vorsichtig die Tür, und nachdem wir die Milch lachend getrunken hatten, verließen wir das Haus und kletterten auf den Wagen.
Im Augenblick aber, da der Knecht dem jungen Schweden die Zügel gab und, uns grüßend, sich zurückzog und der Wagen mit Lärm den Hof verließ, sahen wir hinter den Erdgeschoßfenstern der Mägdekammer alle drei Mägde hinter den Scheiben stehen. Sie drückten ihre Nasen an das Fensterglas und winkten uns zum Abschied ein wenig nach.
Sie hatten alle drei den muntern Sohn des Hauses gern. Dem jungen Schweden behagten auch die Landmädchen mehr als die Stadtfräuleins. Bei jeder Gelegenheit sprach er ein wenig spöttisch über Stadtdamen und lobte die gesunden einfachen Bauernmädchen seines Landes, deren Stallgeruch ihm angenehmer war als die überfeinerten Wohlgerüche der Städterinnen.
Er war auch der erste Mensch, dem ich begegnet bin, der in Paris gewesen war und die Pariserinnen nicht ausstehen konnte. „Sie sind nur eine Firnismasse und keine Menschen,“ behauptete er. „Es sind Wesen mit Schminke und Puder maskiert, verstandesmäßige, geldgierige Geschöpfe, deren ganzes Dasein sich in ewigen Berechnungen abwickelt, fern von allen natürlichen, einfach menschlichen und warmen, gütigen Gefühlen.“ Er sagte, er habe es nur drei Tage in Paris ausgehalten, so sehr habe ihn diese Stadt geekelt.