Ich war damals noch nicht in Paris gewesen und hörte diese Äußerungen mit Staunen. Ich hatte bis dahin Paris von den Deutschen immer nur loben hören. Dem urgermanischen Widerwillen gegen alles Romanische; dem Widerwillen, der die beiden Völker wie Hund und Katze in den tiefsten Instinkten einander nie natürlich befreundet macht, wenn nicht gegenseitige Geduld, Weisheit und Nachsicht walten, diesem Gefühl war ich noch nie so offen begegnet wie hier bei der Wikingernatur des jungen Schweden.

Ich war seit dem Tag meiner Ankunft aus Deutschland nicht wieder an der Küste in dem Fischerdorf Fjellbacka gewesen, denn der Ort lag zu weit weg, um ihn auf einem Spaziergang vom Pfarrhause erreichen zu können. Nun fand ich Fjellbacka frühlinghaft wieder. An der steil zum Meer abfallenden Hauptstraße standen die schmucken Holzhäuschen frisch weiß und gelb und blaßblau und rot bemalt, und in den winzigen Vorgärten, auf wenig Erde, zwischen buckligem Gestein, grünten sparsame Gartenbeete, in denen die wenigen Blumen kostbarer zu leuchten schienen als irgendwo; sie wurden hier den Menschen wertvoll, ähnlich dem Schluck Wasser, der in der Wüste den Wert von Menschenleben hat.

Fjellbacka heißt: Felsenhang. Die niedlichen roten Holzhäuschen kleben hier wie ein Haufen Schwalbennester an der grauen und lilarosigen Felsenwand, die dort zum Meer abfällt. Im Dorf sind winzige Gäßchen, und manches Häuschen ist nicht viel höher als ein Mensch. Manches Fischerhaus hat nur eine Küche und eine Stube, aber glänzt von Sauberkeit innen und außen. Die Gassen sind von Felsen natürlich, höckerig gepflastert, und jeder Schritt muß erklettert werden über kleinen und großen Granitbuckeln, die auch hier wie überall in Bohuslän in der Erde einen einzigen riesigen Stein zu bilden scheinen, der den Umfang einer ganzen Provinz behauptet.

Nachdem wir den Wagen in den Gasthof eingestellt hatten, traten wir unter einem nach Fisch und Teer duftenden, roten, hölzernen Vorratsschuppen hinaus auf eine Landungsrampe. Diese steht auf Holzbohlen ins Meer gerammt, und an ihr liegen unzählige kleine Boote der Fischer und Händler von Fjellbacka angeseilt.

Es machte mich fast erschrocken, wie dunkel und abgrundfinster das Meer mich ansah, das ich zuletzt, acht Wochen vorher, als weiße blinde Eisfläche undurchsichtig erstarrt gesehen hatte. Und nun spielte es mit kleinen kurzen quecksilberigen Wellen, die die Farben der verankerten bunten Fischerboote zurückspiegelten, als wäre das Wasser mit gelben, roten, blauen Glassplittern bestreut. Aber weiter draußen wurde das Meer ein dunkelgrüner Abgrund.

Es war mir einen Augenblick, als endete hier an der Anfahrtsrampe alle Erde, und das Meer schien einen Weltabgrund auszufüllen. Ich hatte das Meer vom Lande drinnen nur als ferne Spiegelfläche gesehen und ganz vergessen, daß es eine ungeheure Tiefe hatte. Bei der Winterfahrt vor einigen Wochen war mir die Meeresoberfläche, die vereist gewesen, wie ein weißer Ballsaal mit blankem Boden erschienen und hatte nicht von Tiefe gesprochen und von keiner Unergründlichkeit, vor der ich jetzt staunte.

Als wir dann ein Boot bestiegen und der Schwede mit Hilfe eines Fischers die Segel aufsetzte, da war es ein großer Genuß, sich vorzustellen, daß wir nun in dem Kahn auf der tanzenden Wasserfläche hin über Abgründe, in denen alle Möglichkeiten des Todes lauerten, schweben sollten.

Das Meer, das vor Fjellbacka nicht frei liegt, sondern nur einen Meerplatz bei der Küste bildet, der von den vorgelagerten Inseln wie von hintereinanderliegenden Hügeln begrenzt wird, das Meer hat hier durch die Eingeschlossenheit etwas Heimliches, Gemütliches. Man war hier erst in einem Vorgemach zum Unendlichkeitssaal des Meeres.

Ungefähr in der Mitte dieses eingeschlossenen Meerplatzes liegt ein winziges Steininselchen, das sich nur mehrere Fuß hoch über den Wasserspiegel hebt. Diese Insel, auf der kein Baum und kein Strauch steht, sondern wo nur ein paar Holzgerüste zum Trocknen von Fischen errichtet sind, dieser kleine hellgraue Steinbuckel befand sich noch im letzten Jahrhundert unter dem Meeresspiegel, und an jener Klippe ist damals bei einem Sturm ein Bischof in seinem Boot mit seinen Leuten aufgerannt und untergegangen.