Dieses erzählte mir der Schwede, während wir jetzt im schönsten Morgensonnenwetter an dem Inselstein vorüberkreuzten. Und es war mir wunderbar, auszudenken, daß Steine aus dem Meere wachsen und daß neue Welten sich bilden, und daß das hundertjährige kleine Inselchen noch wie ein Kind im Verhältnis zu den großen Inseln draußen war und doch schon hundert Menschenjahre zählte.
Und auszudenken, daß da einmal, wo wir jetzt über Abgründen, mit Meersalz bespritzt, in der Morgensonne hinfuhren, das Wasser verschwunden sein würde und überall Land auferstehen würde!
Daß dann da Menschen gehen und Häuser bauen würden, wo jetzt Wasser war! So wie das Pfarrhaus drinnen im Land auf Meeresgrund stand, so würden Menschen hier walten, und niemand würde sich dann der Menschen von heute mehr erinnern nach den Tausenden von Jahren; niemand würde an uns beide denken können, niemand an diesen Tag, an dem wir hier Wirklichkeit waren.
Und wir hatten doch wirkliche Herzen und Hände, die jetzt eben in jedem Augenblick auf unser Leben bedacht sein wollten, die die sonnendurchleuchtete Segelleinwand sorgsam an den Tauen der Windrichtung anpassen mußten und vorsichtig gegen den Wind kreuzen mußten, um unsere Leben über die Abgründe zu bringen, die unter uns lagen.
Und auszudenken, daß unsere Schatten und der Schatten des Schiffes, die als schwarze gezeichnete Flecken über die grüne Wasserfläche mitfolgten, nicht körperloser waren als die Körpermasse des Bootes und unserer beiden Menschengestalten! Und ich verstand, daß das Holz des Bootes und sein Leben und das Leben der Segelleinwand und unsere Körper aus Fleisch und Blut, die so verschieden aussahen, im Grunde sich in nichts voneinander unterschieden. Sie würden, wenn hier das Wasser verschwunden und dieser Meeresplatz ein Tal mit Menschenhäusern darin geworden war, alle in der Spurlosigkeit eins geworden sein. Dieses Meer von heute, dieses Boot von heute und wir zwei Menschen im Boot waren im Grunde körperlose Schatten.
Und diese Betrachtung, die sicher täglich an verschiedenen Orten der Erde und rund um die Erde Tausende von Menschen anstellen, diese Betrachtung, die angestellt worden ist, so lange Menschen auf der Erde leben, endete bisher immer bei allen Sterblichen mit einem Seufzer des Sichhineinfindenmüssen in die lästige Vergänglichkeit.
Die Menschen aller Zeiten sahen das Vergehen ihrer Gestalt fast als eine persönliche Beleidigung an, als eine Beleidigung, die ihnen jemand antat, jemand, von dem sie behaupteten, daß er stärker wäre als sie.
Und das Menschenleben konnte nie recht aufatmen, wenn es an die Vergänglichkeit erinnert wurde. Denn nur wenige haben den Gedanken in all den Zeiten zu Ende gedacht, der mit etwas Lebenslust so leicht zu Ende zu denken ist.
Es wird uns nichts angetan, auch, wenn wir am Ende unseres Menschenlebens den Tod zur Menschengestalt kommen lassen. Denn wir sind aus der Vergänglichkeit hergekommen, aus der Unergründlichkeit, und gehen in die Unergründlichkeit. Wir gehören also dem Unergründlichen immer an, auch in jeder Sekunde des Lebens, weil wir von dort herkamen. Aber wir gehören ebensogut immer der Wirklichkeit an, weil wir zur Wirklichkeit kommen konnten.