Da einmal für uns die Möglichkeit vorhanden war, ins Wirklichkeitsleben zu kommen, so können wir ruhig annehmen, daß diese Möglichkeit schon tausende Male und immer in uns vorhanden war und ist. Wir müssen verstehen lernen, daß wir bereits tausende Male zur Wirklichkeit gekommen sind, und daß wir viele tausende Male immer wieder dieselbe Möglichkeit finden werden. Die Unergründlichkeit, der Tod, hält uns nicht für ewig fest, so wie die Wirklichkeit, das Leben, uns nicht ewig festhält.

So denken logisch die meisten Asiaten heute schon, und so haben die alten Ägypter gedacht, und so sollten wir wieder denken, nur mit dem neuen Zusatz unserer in tausend Jahren weiter fortgeschrittenen Erkenntnis, daß jeder Mensch, der da stirbt, die Kraft des ganzen Weltalls so gut in sich trägt, in seiner ihm angeborenen Unergründlichkeit, wie er auch die Schwächen seiner kleinen Wirklichkeitsfigur zugleich mit sich trägt.

Und es ist kein Seufzen, mit dem ihr diese Betrachtung schließen müßt. Ihr müßt lernen, mit weisem Lächeln eurem Verschwinden nachzusehen. Ihr müßt es feiern lernen, daß eure kleine Wirklichkeit vergeht und immer wieder vergehen muß, und müßt wissen, daß ihr immer besteht als unvergänglich, so oft ihr auch das Wirklichkeitsspiel scheinbar verlaßt; das Festspiel des wirklichen Lebens behält euch immer.

Und wenn euch dann der Gedanke kommt: dieses Boot, in dem ich segle, dieses Meerwasser, auf dem ich fahre, diese Menschengestalt, in der ich heute die Segelfahrt genieße, sie werden in abertausend Jahren verschollen sein, dann werdet ihr lächelnd sagen:

Aber die Fahrt war deswegen doch festlich und genußreich, und es gibt noch Tausende von Sternen und Tausende von Lebensarten, auf denen und in denen wir wieder aufleben werden.

Ein schöner Tag, eine schöne Morgenfahrt wie heute, ist deswegen nicht weniger schön, weil sie vergänglich ist. Denn jedes Menschen Unergründlichkeit steht hinter seiner Gegenwart, seine Unergründlichkeit, die viel tiefer ist als diese Meerestiefe unter dem Boot, und die viel tiefer ist als alle Höhe über dem Boot.

Sie, unsere Ewigkeit, unser festlicher Besitz und der festliche Besitz aller, weilt bei mir im Boot, in mir, in meiner Gestalt. Sie schaut aus dem Wasser neben mir herauf, sie dröhnt aus dem Holz des Bootes, sie leuchtet aus der Leinwand des Segels, sie blickt mich aus dem Auge meines Kameraden im Boote ebenso an, wie sie aus meinem Auge ihn und alle Dinge rundum unergründlich ansieht.

Wie wenig ist dagegen die endliche Wirklichkeit, die ihr beweisen möchtet, der ihr nachseufzen möchtet, da doch die herrliche erhabene Unergründlichkeit — die ihr besitzt, und die euch besitzt — weitaus großartiger als die Wirklichkeit jede eurer kleinsten Handlungen beleuchtet!

Darum seufzt nicht über die unwirkliche Vergänglichkeit. Nichts stört euer großes Fest, ihr seid von Ewigkeit zu Ewigkeit mitten in diesem Fest, immer und ewig. —