An diesem Tage, bei dieser Segelfahrt, sah ich auch die Inselgassen wieder, in die wir nach der Durchkreuzung des Meeresplatzes eintraten. Die vielen Möwenvölker, die im Winter dagewesen, waren jetzt fortgeflogen. Sie sind im Sommer draußen, sagte mir der Schwede, auf den äußersten Inseln im offenen Skagerakmeer, wo sie brüten. Nur hie und da glitt ein einzelner Strandvogel durch die stille Luft der geheimnisvollen Gassen.
Ich mußte an Venedig denken, als wir zwischen den hohen Felsenwänden in den Wasserläufen im Boote hinglitten. An ein versteinertes farbiges Venedig! Während wir zwischen dunkelblauen und grauen Klippenwänden fuhren, leuchteten hohe goldgelbe Steinwände auf und purpurbraune getürmte Riesenblöcke, und im Wasser zuckten die Widerscheine auf vom feuerblauen Frühlingshimmel, der wie ein blaues Glasdach die dämmerigen Inselgassen hell überdeckte. Im Wasser kreiselten langgezogene, farbige Spiralen, rote, gelbe und blaue, auf grünem Schattengrund, als wäre das Meerwasser hier mit beweglichen schwimmenden Blumenmassen angefüllt.
Ernst sah uns jeder vorweltliche Steinkoloß an, der die Menschenstimme zurückgab und doch regungslos blieb. Hie und da wehte aus einer Felsenspalte ein verlassenes Birkengebüsch im Morgenwinde.
Tiefe Versunkenheiten waren um uns, die fernen, dem Menschen unbekannten Leben: die Gedanken und Gefühle der Fische, die Gedanken des Tangs und die Gedanken der versunkenen Steine und Muscheln, die Gedanken und Gefühle vorüberstreichender lautloser Vogelpaare, die Gedanken des Morgenlichtes und des Morgenwindes. Alle begleiteten uns, vereinigten ihr tiefstes Leben mit unserem tiefsten Leben und verstanden sich hier untereinander in den lautlosen Gassen, wo nur der Kiel des Bootes im Wasser knisterte und der Meerschaum an der Bootswand zischte. Meersalz, das eben noch im Wasserabgrund gelebt, klebte, angespritzt, an unseren Segeljacken, bildete dort Kristalle und blitzte uns an, aufgestanden vom Wasserleben zum Sonnenleben.
Solchen innersten Zusammenkünften der Gedanken- und Gefühlswelt, die der Wald oder der Fluß, das Meer oder nur ein Feldweg in Stille und Einsamkeit dem Menschen anbieten, diesen schweigenden unergründlichen Unterredungen zwischen Menschengedanken und Naturgedanken gaben die Menschen sich seit Jahrtausenden immer gerne willig hin. Ich meine die natürlichen, gesunden, einfachen und starken Menschen, jene klugen Menschen, die fühlen und wissen, daß nicht der Mensch allein dem Menschen Lebensklugheit gibt und Lebensreichtum.
Keine bewußten Gedanken machen einem vor der Natur jene Bereicherung und jenes Klügerwerden klar. Aber der ganze Mensch fühlt sich, wenn er wieder aus Natureinsamkeit, von jener schweigenden Unterhaltung, die er mit den Naturleben pflog, zu den Menschen zurückgekehrt, lebensbestärkter und lebenssicherer und benimmt sich dann also auch lebensklüger und lebensreicher zu den Mitmenschen.
Es ist nicht der Sauerstoff der Luft allein, nicht allein das wärmende Sonnenlicht, nicht die Stille allein, die den Menschen also in der Natur stärken. Es sind die unbewußten Unterhaltungen und Festlichkeiten, die entstehen, wenn sich die Unergründlichkeit des Menschen mit der Unergründlichkeit der anderen Lebewesen zu einem großen Schöpfergefühl vereinigt. Wobei das Geschöpf Mensch, ohne daß es sterben muß, totenstill und wunschlos wird und in Fühlung tritt mit seiner Unermeßlichkeit, mit seiner unsterblichen Urkraft.
Nicht bloß dem höher gebildeten Menschen, auch dem geistig tiefstehenden, ist es unbewußt innigstes Bedürfnis, von Zeit zu Zeit mit offenen Augen und offenen Ohren mitten im Naturleben, im Wald, Feld, auf einem Berg oder auf dem Meer sein Urweltgefühl dem Urweltgefühl der Naturleben bewußt oder unbewußt hinzuhalten und so für Augenblicke die Menschengestalt zu vergessen. — Der Dichter aber, der aus der Stadt fort von den Menschen wandert und seine Unergründlichkeit mit der Unergründlichkeit des Naturlebens zusammenlegt und sein tiefstes Menschengefühl, sein Liebesgefühl zu einem Menschen, in die Natur hinausträgt, ihm wird diese Vereinigung den Rhythmus eines unermeßlichen Liebesliedes geben. Und der Wald oder das Meer, der Berg oder der Garten, zu dem der Dichter sein Liebesgefühl hintrug, die Wiese und der Wind, der Vogel und der Baum, die fernsten Sterne und der nahe Mond, sie werden alle mit ihm zusammen Liebeslieder erfinden, wenn er seine Menschengestalt bei ihnen weilen läßt und seine Unergründlichkeit mit ihrer Unergründlichkeit umgibt.
Die Naturleben verwandeln sich, so wie das Wetter, zu jeder Tagesstunde, und so wie die Beleuchtung und die Jahreszeiten täglich wechselnd vorüberschreiten, so werden sie — wenn ein Dichter immer mit dem gleichen warmen Liebesgefühl von seiner Geliebten kommt, oder wenn er in Zweifel von ihr kommt, oder wenn er getrennt von ihr in Sehnsucht kommt, oder wenn er beglückt von ihr in Freude kommt — so werden sie immer wieder, wenn er mit seinem unergründlichen Liebesgefühl die anderen unergründlichen Leben betrachtet, für jede seiner Stunden, die er in ihnen untertaucht, ihm eine andere Melodie gleich einer neuen Perle schenken.