Zur Abendstunde zwischen sechs und sieben Uhr holte er mich meistens in der Wohnung meines Vaters ab, und wir gingen durch die Stadtanlagen rund um den Ring der Stadt und am Main entlang, bis wir, wieder an dem Ausgangspunkt zurückgekommen, uns voneinander verabschiedeten, — wenn der junge Student nicht zum Vorlesen und Klavierspielen für den Abend bei mir eintrat und zu Besuch blieb. Er spielte auch manches Mal mit meinem Vater Schach oder plauderte mit meiner jüngsten Stiefschwester.

Aber in diesen Tagen der Umwälzung der Gottbegriffe in mir forderte ich ihn nicht mehr auf, nach dem Spaziergang zu uns in die Familie zu kommen. Er war für mich jetzt nicht mehr bloß Mensch und Freund, sondern er schien mir ein weltfernes Wesen geworden, ähnlich einem jener Atome voll Atomkraft, das selbstschöpferisch walten konnte. Ich war aber mit dieser persönlichen Atomgöttlichkeit noch zu wenig vertraut, um ihr zu vertrauen.

Und gegenüber den altgeweihten menschlichen Gottesvorstellungen erschien mir mein Freund mit seiner selbstherrlichen Atomkraft wie eine Dynamitpatrone, mit der ich noch nicht umzugehen verstand, und die ich meinem Vater nicht ins Haus bringen wollte. Jedenfalls wollte ich selbst erst über den Ersatz der Atomkraft, die den persönlichen Weltschöpfer verdrängen sollte, klar werden, ehe der junge Philosoph, vielleicht nach einer Schachpartie, meinen Vater oder meine Schwester in die Atommächte einweihen würde.

Denn, wenn auch mein Vater mir immer an Stelle des persönlichen, alttestamentarischen Gottes einen neutestamentarischen geistigen Gott, einen Weltgeist, gesetzt hatte, so war doch diese Vorstellung für mich immer noch poetischer Natur gewesen. Der Weltgeist, der über allem schweben sollte, alles durchdringen sollte, war wie ein Riesenweltadler, der mit seinem Flügelschlag das Leben anfachte, und dessen Flügelschlag man aus dem Leben aller Dinge spüren konnte.

Die Weltgeistvorstellung war für mich bis dahin immer noch eine Einheit gewesen, zu der man aufschauen konnte, die über dem Weltall schwebte und atmete, wie ein großes Welt-Ich. Jetzt sollte aber auf einmal dieser Weltgeist so wenig da sein wie der alttestamentarische, persönliche, menschenähnliche Gott und so wenig wie die griechischen, ägyptischen oder assyrischen Götter.

Jedes Stäubchen, das in der Sonne flog, sollte ein schöpferisches Ich sein und nichts Mächtigeres über sich kennen. Es sollte es selbst sein, es sollte Urkraft sein. Alle Legenden des Weihnachtsfestes, des Oster- und Pfingstfestes, die Poesie der Bibel und der Kirchen sollte ich verlassen und gegen Atomleben eintauschen!

Fast haßte ich diesen Entgötterer, der mir in diesem jungen Philosophen zum Freund geworden war. Es war, als kehrte er meine uralte Vaterstadt aus und kehrte mit den Kirchen die traulichen Winkel, Häuser und Gassen fort, und statt der türmereichen Stadt lag nun am Main eine leere Atomwüste.

Nicht einmal mehr das Bild eines grünen gras- und baumreichen Tales, wie es vor der Entstehung der Stadt am Main gewesen war, konnte ich jetzt dort vor mir sehen. Denn auch die Wälder, die da früher waren, die Gräser, die unschuldigen blumigen Mainwiesen, die vor zweitausend Jahren die Ufer säumten, auch sie wurden ein Atommehl, farblos, formlos.

Und eine grenzenlose Verlassenheit befiel mich bei diesen ersten Anfängen meiner Atomkraftvorstellung, die ich an Stelle der bilderreichen Bibelereignisse und der Schöpfung setzen sollte.