Die Vorstellung von einem Schöpfer kennt keine Freiheit des persönlichen Ich-Bewußtseins. Während, wenn ich mir vorstelle, daß alles sich selbst schafft und sich selbst vernichtet, das Ich-Bewußtsein gewahrt und erhöht wird.
Es bleibt jedem natürlich überlassen, sich einen Schöpfer vorstellen zu wollen oder nicht. Nur wird der Klügere, der schöpferische Mensch, sich gegen eine solche Vorstellung sträuben, die sein Ichbewußtsein von einem Schöpfer abhängig macht. Ich, für meinen Teil, stelle mir lieber vor, daß die Welten sich selbst schufen; da mir scheint, daß diese Vorstellung dem Verstand des Zeitgeistes, in dem ich aufgewachsen bin, mehr zusagt.“ — So sprach mein Freund zu mir.
Ich weiß heute nicht mehr, was ich ihm antwortete. Ich weiß nur, daß ich mich zuerst heftig sträubte, auf die uralte Vorstellung von Gott und dem Schöpfer oder Weltgeist, wie mein Vater immer gesagt hatte, kurzerhand zu verzichten und jedem Wesen eigene Schöpferkraft zuzusprechen.
Mein Freund lachte nur und sagte: „Ich nehme Ihnen ja nichts, wenn ich Ihnen zumute, den Schöpfer wegzudenken und an seine Stelle allgemeine Schöpferkraft zu setzen. Ihr Schöpfer ist so unbeweisbar wie meine Atomkraft. Ich setze nur an Stelle des Nichts, an das Sie glauben, ein anderes Nichts.
Ihr Bild vom Schöpfer verhält sich übrigens zu meiner Atomkraft, die ich mir als Urkraft vorstelle, wie ein Ölporträt zu einem Photographieporträt. Das Ölbild ist das künstlerische, aber auch das ungenauere Bild. Die Photographie ist das unkünstlerische, aber das realistisch genauere Bild.“
In den nächsten Tagen war es mir schwer, mit meinem Freunde weiterzusprechen. Ich litt unter dem Verlust, den er mir zumutete, indem ich das künstlerische Bild von Gott und der Schöpfung aus meinem Herzen ausrotten, und an Stelle der alten Überlieferungen mechanische Vorgänge der Atome annehmen sollte, die mir zwar glaubhaft schienen, aber mich stimmungs- und vorstellungsarm machten.
So weh ums Herz, dachte ich, muß es den letzten Griechen und Römern gewesen sein, als sie die Tempel schließen und Abschied nehmen sollten von den schönen und vertrauten Bildsäulen ihrer erdachten Göttergestalten und von den Zeremonien, den gewohnten, mit denen sie die Feste dieser Götter feierten, die ihnen von ihren Vätern und Vorfahren seit Jahrhunderten überliefert waren und Familieneigentum geworden waren und persönliches Eigentum und Welteigentum, beinahe wie die Bäume, wie der Himmel, wie der Regen und die Sonne, ohne die sie sich ihre Lebensjahre nicht vorstellen konnten.
Ich hatte in jener Sternennacht, da mein philosophischer Freund meinem Herzen den Umtausch vorschlug, an Stelle des Schöpfers, an Stelle des persönlichen Gottes die verallgemeinerte und wissenschaftliche Atomkraft zu setzen, im bläulichen Zwielicht der Sterne auf die türmereiche Stadt Würzburg vom Steinberg hinuntergesehen, über meine kirchenüppige Vaterstadt hin, und ich trug dieses Bild der vielen Kirchen noch in den nächsten Tagen neben meinen verwirrten Gedanken mit mir.
Und so wie die letzten Griechen und Römer gefragt haben werden, als man an Stelle ihrer Götterreligion den einfachen alleinigen Gott der Christen, den einzigen Weltregenten, setzen sollte: „Wozu waren also alle die Tempel, die da Jahrhunderte gebaut waren, gut? Haben wirklich unsere Väter durch Jahrhunderte nur einem schönen Schein gehuldigt?“ So fragte ich mich, wenn ich im Geist das prunkreiche Bild der Kirchenstadt Würzburg vor mich hinstellte und es mit der Öde des Wortes Atom verglich.
Meinen Freund, welchen ich absichtlich in den nächsten Tagen mied, und der, wenn ich ihn traf, es ebenfalls vermied, von neuem das Gespräch der Entgötterung meines alten Himmels aufzunehmen, er konnte endlich die Verstimmung, die so sichtlich zwischen uns getreten war, nicht länger unbekämpft lassen.