Ich mußte ihm recht geben; aber nicht darin, daß ich mich an den Sommerlärm in seinem Vaterhause so gut würde gewöhnen können wie an die Winterstille.

Ich sagte ihm, so wie mir sein Vaterhaus lieb geworden sei, so möchte ich es immer in meiner Erinnerung tragen. Es stünde dann einzig in seiner Art unter meinen Erlebnissen, und ich möchte deshalb nicht das Haus im Sommer beobachten, wie es immer ähnlicher allen anderen Familienhäusern würde, die ich kannte. Ich wollte es nicht in mir allgemein und gewöhnlich werden lassen, sondern den Aufenthalt dort als ein außergewöhnliches Erlebnis, so erhaben und mächtig wie es gewesen, für alle Zeiten im Gedächtnis behalten.

Bis zum Johannisfest, wo in der hellen Sommernacht im Freien getanzt wurde und das Klavier hinaus hinter grüne Hecken in die Steinfelder gebracht wurde und die Töchter des Hauses und ihre Freundinnen mit viel Gelächter den Auszug des Klavieres unter den freien Himmel begleitet hatten, bis zu diesem Fest bin ich noch geblieben und war nahe daran, mich von dem Mädchentrubel verlocken zu lassen, auch den Sommer im Pfarrhause zu verbringen. —

Es war mir aber nach meiner Abreise dann ganz seltsam zumut. Nirgends mehr fand ich die unergründliche Ruhe, die majestätische Einsamkeit, wohin ich mich auch wendete, — nicht auf dem Lande, nicht in den Städten, auch nicht bei den Buchenwäldern Dänemarks am Isefjord, die, auf flachem Sandboden gewachsen, mir wie große Parkanlagen vorkamen im Vergleich zur Urweltnatur Bohusläns. Das Meer schien mir bei Dänemark ein Tümpel zu sein und der Isefjord ein Parkteich.

Die dänischen Kornfelder, über denen die Windmühlen einförmig sich auf- und niederdrehten, kamen mir einfältig, nützlich und langweilig vor nach der prächtigen Granitdüsterkeit der nordischen Steinprovinz, in der die Hügel wie versteinerte Walroßherden gelagert waren, wie versteinerte Mammutleiber. Vorsintflutlich und ungeheuer abenteuerlich war vor den Fenstern des Bohuslänschen Pfarrhauses die Umgebung gewesen. Aber dort in Dänemark, wo die Sommerausflügler und die wandernden Kinderschulen und die herumliegenden Zeitungspapiere einen fortwährend an enges Menschenleben erinnerten, an sinnlose Bildungssucht, wie sie über allen Völkern Europas jetzt liegt, da wurde ich keinen Tag froh. Der Unterschied war so groß, als wäre ich wirklich wieder vom Mond auf die Erde zurückgekehrt.

Und noch viel schlimmer erging es mir, als ich Landleben mit Stadtleben zu vertauschen suchte. Selbst das liebenswürdige und ungemein trauliche Kopenhagen, eine der feinfühlendsten Städte unter den Städten und die Stadt meines Lieblingsdichters J. P. Jacobsen, konnte mich nach der erquickenden Zeit in Bohuslän nicht zum Bleiben verlocken. Wohl wanderte ich in der dänischen Hauptstadt gern in Jacobsens Fußstapfen und war gern bei Andersens alter tröstlicher Märchenwelt, die jeder Kopenhagener Pflasterstein einem deutlich wiedererzählt. „Die Galoschen des Glückes,“ „die kleine Seejungfrau,“ „die Schneekönigin“ begleiteten mich bei jedem Schritt und ließen mich der Vergangenheit nachhängen. Aber starkes Gegenwartsleben, neue vertiefte Wirklichkeitseindrücke, wie ich sie in Bohuslän stündlich erlebt hatte, erhielt ich hier nicht.

Wäre ich älter gewesen, würde mir das trauliche Kopenhagen sehr behagt haben. Man muß aber zuerst das Ziel möglichst erreicht haben, das man sich setzte, und muß selbst schon zur Vergangenheit hinneigen, um wunschlos in der Wirklichkeit ohne starkes Gegenwartsleben auskommen zu können.

Oder man muß, altgeworden, mit einem Chaos von mächtigen Erlebnissen angefüllt sein, dann sucht man gern stille träumerische Landschaft oder idyllische Orte auf, um dort die Flut der Eindrücke wie eine Sammlung zu sichten und zu ordnen.

Auch als ich zu Weihnachten zu einem Besuch in mein Vaterhaus nach Würzburg kam, schien mir die Rückkehr dorthin verfrüht. Zwar genoß ich den erfrischenden Geist meines Vaters und liebte den Kulturreichtum meiner altfränkischen Heimatstadt, aber doch schien mir beides im Wege zu sein für meine weitere Entwicklung. Denn die Zeit zur Selbstbetrachtung und die Zeit, mich in den Heimatboden einzuwurzeln, war noch nicht gekommen.