„Jawohl,“ sagte er. „Die Dichter sind die einzigen, die von jeher das Weltall in seinem Urbau erkannt haben. Sie fühlten immer die Einheit und Beseeltheit aller Dinge, der lebenden und ‚toten‘ Dinge persönliches Leben.“

Wir waren an das Mainufer gekommen, wo die Sonne hinter fernen Waldbergen untergegangen war. Die Hügel lagen da wie Haufen blaugrauer Asche, und die roten Abendwolken standen darüber wie Feuerbrände über Opferaltären.

Noch einmal machte mein Herz, den alten Überlieferungen treu geblieben, einen Anlauf, und es verteidigte die Bilder der Engelschöre, die wir Menschen uns in die Wolken versetzen und das Bild des großen alttestamentarischen Gottes mit dem weißen wehenden Bart, der in den Sternenmantel der Jahrtausende gehüllt, immer weise richtend, über den Chören der Engel thronen soll, das Gute zu sich ziehend und belohnend, das Böse fortstoßend und verdammend.

Und die Abendglocken der dunkelbeschatteten Stadt, die zu den feurigen Wolken hinaufläuteten, schienen mir recht geben zu wollen. Der schwere Glockenklang, der mit unseren Schritten auch von den Pflastersteinen widerhallte, ging durch meinen Körper und wühlte in meinem Blut alle alten Überlieferungen der Bibelgeschichte auf.

Da wurde meine Stimme ein wenig pathetisch, als ich zu dem jungen Mann an meiner Seite sagte: „Nein, ich kann ihn nicht absetzen, den alten großen Gott. Ich kann mir den Himmel nicht leer denken, nur mit den Atomen der Wolken angefüllt. Ich will Dichter werden, und es muß mein Dichterrecht sein, mir beliebig die Welt mit Gestalten ausfüllen zu dürfen.

Mit Atomkräften — und auch wenn die Atome beseelt sein sollen — kann ich künstlerisch nichts anfangen. Es ist, als rauben Sie, Philosoph, mir aus meinem Puppentheater die Puppen, und als sollte ich nun auf leerer Szene nur mit der Leere der vier Windrichtungen ein Stück aufführen.“

Wieder lachte der junge Philosoph auf, und seine Stimme wurde plötzlich nicht mehr von Gedanken getragen. Sie klang ganz irdisch nüchtern und knapp, wie die Stimme eines Arztes, der einen phantasierenden Fieberkranken anredet.

„Ja, können Sie sich denn nicht selbst genügen? Warum müssen denn die Wolken Arme und Beine haben und Engel tragen? Warum muß denn überall der Mensch den Menschen hindenken in Regionen, wo es keine Menschen geben kann? Warum sollen die Dinge rundum nicht ihr eigenes Leben leben dürfen?

Lassen Sie doch das Leben aller Dinge einmal zu sich herankommen! Diese Geduld hatte bis jetzt noch keiner von euch Dichtern. Immer müßt ihr gleich alles ins Menschliche verwandeln. Das Weltalleben aber liegt voll von unaufgedeckten Poesien.