Sobald man den Schöpfer absetzt und jedes Geschöpf als seinen eigenen Schöpfer einsetzt, dann wird eine große Fülle von lebenbejahenden, lebenbejubelnden und lebengründenden Dichtungen entstehen.
In den Märchen ließet ihr bis jetzt die Mäuse nur Hochzeit machen wie die Menschen. Ihr stelltet euch dann dabei einen Mäusepfarrer vor, der das Pärchen zusammentat.
Um die Blumen leben zu lassen, müßt ihr ihre Lebensgeister in menschengestaltige Elfen verwandeln. Und über Riesen und Zwerge kommt ihr immer noch nicht hinaus. Immer muß eure Phantasie von kronentragenden Königen, hochzeitmachenden Prinzessinnen und verwunschenen Prinzen handeln.
Dieser abgenützte Plunder mittelalterlicher Lebensbefangenheit, dem wir keine neuen Seiten abgewinnen können, wird von selbst fortfallen, sobald die Weltschönheit, das Weltgefühl und das Weltleben mit dem kleinsten Grashalm, mit dem Schatten eines Blattes, mit dem geringfügigsten Leben, so wie es ist und nicht anders, zu euch reden darf.
Verwandelt nicht immer die Gestalten der Dinge, die an sich selbst jede ihre Schönheit haben. Die Muschel, der Stein, der Staub und ihre Figuren, ihre Lebensbewegungen, wenn sie im Licht aufblinken — alle die Weltalleben an sich selbst sind schön und bieten eine Fülle von Poesie, wenn der Mensch ihre Rhythmen auf sich wirken läßt. Lernt die Abendwolke genießen, so wie sie ist, als ein schwebendes Leben und seht sie nicht als eine erhöhte Kirchenbank für Engel an.
Der Dichter der Zukunft, der dieses fertig bringt, das Weltalleben in seinen wahren Schönheiten, in seinen erregten Lebensäußerungen unverwandelt wiederzugeben, dieses wird der Dichter der neuen Zeit werden, die jetzt anbricht, und die die alte Zeit abstoßen wird, wie ein altes abgetragenes Kleid.“
Ich begann aufzuhorchen. Das war ein Ausspruch! Meine Lust, ein Dichter zu werden, fühlte sich nun in Mitleidenschaft gezogen, und es war mir klar: das, was ich vorher an Versen geschrieben hatte, war nur eine weiche Schwärmerei und eine Schwelgerei auf altromantischen ausgetretenen Wegen gewesen.
Ich wußte zwar noch nicht, wohin mich ein Glaubenswechsel führen würde, und ob er mir wirklich einen Ersatz bieten würde. Aber ich war jung genug, um mich von der Lust anlocken zu lassen, alle bisherigen Wege, welche die Dichtkunst der christlichen Zeitspanne überliefert hatte, kühn zu verlassen und einen Sprung ins Unbekannte tun zu wollen.
Götter- und Ritterromantik sollte weit zurückbleiben. Dafür wollte ich die Romantik des bisher unentdeckten Landschaftslebens, das Reden der Dinge an sich, ohne daß sie menschliche Verkörperungen eingingen, ohne daß sie Märchengestalten annehmen sollten, begeistert aufdecken in ganz neuen Dichtungen.
So sicher und bestimmt, wie ich es heute in Worten niederschreibe, kam natürlich nicht jene Eingebung durch meinen Freund über mich. Mein waches äußeres Auge war noch hilflos, aber innere unbewußte Blicke redeten zu meinem Herzen, ungefähr so, wie in früheren Zeiten ein ferner unentdeckter Weltteil einem Kolumbus Unruhe bereitet haben mag und ihn innerlich gerufen hat, zu ihm zu kommen und unbekanntes Land zu suchen, zu finden und der bekannten Welt anzugliedern.