Wir waren am Main entlang gegangen, die Stadt zur Linken, den Main zur Rechten. Und drüben über dem Fluß, aus dem Tal, das der Marienberg, auf dem die alte Festungsburg steht, mit dem Nikolausberg bildet, aus diesem zu fernen Waldhöhen eilenden Tal kam eine Flut von gelbem Abendlicht. Und die Südfenster des Festungsschlosses und die goldenen Kreuze der Kapelle auf dem Nikolausberge gegenüber und der sanfte Mainspiegel darunter schienen zu brennen, als wären dort überall Freudenfeuer angezündet. Und die roten Wolken am Himmel standen zerpflückt über der Stadt wie große rote Blumensträuße, die auf die Dächer niederregneten.
War all das Licht umher meine Feststimmung, die aus meinem Herzen in den Raum hinausgetreten war? — Jedenfalls fühlte ich mich wie ein König, gekrönt von dem Entschluß, Herr über ein großes unbekanntes Reich zu werden. Und so wie der Abendstrahl dort aus dem Tal die mir so altgewohnte Stadtumgebung verwandelte und in zündendem Licht zeigte, so daß ich für einen Augenblick kaum das alte Heimatpflaster mehr erkannte, so durchstrahlte mich der zündende Gedanke einer geistigen Umwandlung, die jetzt in mein Empfindungsleben einziehen sollte, vom Scheitel bis zur Sohle, als brächte dieser Augenblick mir neues Blut.
Der junge Philosoph an meiner Seite glaubte, daß mich neue Zweifel bestürmten, und seine Stimme schlug plötzlich wie in volle Verachtung um, als er kurz zu mir sagte:
„Und übrigens ist es gar nicht wahr, daß, ehe wir in jener Sternennacht auf dem Steinberg auf Atomkraft zu sprechen kamen, Sie sich noch immer einen Gottvater mit einem weißen Bart vorstellten oder Engelsscharen auf den Wolken oder Ähnliches.
Sie haben längst nicht mehr glauben können, daß menschenähnliche Wesen den luftleeren Weltraum bevölkern können. Sie leisten mir nur jetzt Widerstand, weil Sie sich noch nicht in den Reichtum der neuen Welt, die sich Ihnen darbietet und in die Verantwortung, die Ihr Ich als eigener Schöpfer auf sich nehmen soll, hineinfinden können.
Das ist aber nur Gewohnheitssache. Die neue Welt, in welcher jedes Geschöpf Selbstschöpfer ist und keinen anderen Übersichstehenden anerkennt als sein eigenes Gefühl und seinen eigenen Verstand und als Richtschnur die Erfahrungen, die es aus den Widerständen des Lebens sammelt — diese Welt scheint einem zuerst etwas schwieriger zu sein, weil sie verantwortungsreicher ist.
Man muß seine eigene Schuld auf sich nehmen, aber auch die Freuden werden nicht mehr Geschenke, sondern eigene Errungenschaften. Man ist nicht mehr Geschöpf, das auf Gnade und Ungnade Knecht eines Herrn ist, sondern man ist Herr geworden, eigener Herr seines Lebens und aller zukünftiger Leben.
Niemand, der die neue Weltanschauung annimmt, kann sich mehr mit Schwäche entschuldigen, denn jeder glaubt dann an die unendlichen Schöpferkräfte, die er in sich hat, die wir aber bisher nur dem einen Schöpfer zusprachen.
Sehen Sie die anbrechende Nacht! Sie verhüllt Ihnen nichts mehr vom Augenblick an, wo Sie die Sonnen nicht höher setzen, als sich selbst. Die Nacht birgt in ihrem Dunkel keine anderen Schrecken, als die, die Sie in sich selbst tragen.