Die Nacht ist nicht besser und nicht schlechter als alles Licht. So wie Sie, im Urbegriff genommen, nicht besser und nicht schlechter sind als ich und alle anderen Menschen. Niemand ist Herr und niemand ist Knecht.

Wir bieten jeder dem Leben schwache und starke Kräfte an, je nachdem wir müde oder weniger müde, krank oder gesund sind. Jeder schafft sich, angemessen den Kräften, die er verbraucht, seine eigene Welt. Jeder ist Schöpfer seiner eigenen Freuden und seiner eigenen Sorgen.

Die Kräfte rundum antworten nur auf Kräfte, die zu erwecken jeder ein eigener Schöpfer sein muß. Wir sind nicht Sklaven, nicht Gut und Besitz eines einzigen höheren Wesens. Wir besitzen alles und uns besitzen alle.“ —

Wären Lawinen von den Bergen mit Donner heruntergekommen, hätten die Berge zu wandern begonnen, und hätte der Mainfluß, an dessen Ufer wir gingen, sich senkrecht aus seinem Bett aufgerichtet und wäre als heißer Geiser in den Himmel gerauscht — ich hätte mich nicht betäubter fühlen können als jetzt von den Erkenntnisworten, die da mein Herz anredeten.

Mein vom Altgewohnten fast gedankentot gemachtes Herz, das da in den wuchernden Überlieferungen wie in Bergen von Efeu eingesponnen gelegen, erwachte aus einer Finsternis, die ihm liebgeworden war. Vorher war es wie in Dornen eingewickelt gewesen, die es nie ganz hatten aufatmen lassen.

Und nun war ein Brand in mich hineingefallen. Und die alten staubigen liebgewordenen Lasten des Gedankengestrüppes der Jahrhunderte flogen wie leichte Asche fort, und durch den Aschenregen ahnte ich bereits, daß nun ein ewiger Tag anbrechen würde, ein Tag ewiger Kräfte, ein Tag von befriedigendem, ewigem Wechsel, begleitet von einer Unermüdlichkeit und fern aller Wehleidigkeit.

Große handelnde Freuden und große handelnde Schmerzen würden über mich kommen, und nicht mehr jene verschleierten mitleiddurchtönten Augenblicke, nicht mehr jene Unluststunden, die mich bisher ein willenloses Werkzeug nennen durften eines höheren Willens über mir.

Wir besitzen alles, und uns besitzen alle.“ Dieses war das Wort, mit dem man Herzen und Berge öffnen konnte. Keine Angst vor dem Tode, kein Drang nach Reichtum und Gold, keine Angst vor Armut und keinen Drang nach Eitelkeiten läßt dieser Ausspruch mehr aufkommen bei dem, der ihn voll erfaßt: „Wir besitzen alles, und uns besitzen alle.

Man arbeitet für alle, und alle arbeiten für einen. Unter diesem Losungswort lebten seit Jahrtausenden alle Weltatome und waren alle zusammen Schöpfer dieser Schöpfung, und auch ich war nur im Leben, um Mitschöpfer an der Schöpfung zu sein.

Und mit mir war es der Hügel dort über dem Fluß, die Wolke am Himmel, der Fluß, die Stadt mit ihren Gassen, die Menschen und die Tiere, die Schwalben, die jetzt da im Abend pfeifend in den Äther schossen, die Wälder in der Ferne, in denen die Sonne fortgewandert war, meine Hand, das Holz meines Spazierstockes in der Hand, der Pflasterstein, über den ich ging, die Blütenblätter der Linden, die vor mir im Winde von den Bäumen flogen, — sie alle mit ihren Atomen sind mit mir Schöpfer und Geschöpfe, sagte ich zu mir.