Der verdammende Bibelspruch: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du arbeiten, und dein Acker wird Dornen tragen,“ — dieses Spruches Fluch wird ohnmächtig werden auf den Äckern derer, die sich nicht mehr zu Sklaven und zu aus dem Paradies Verstoßenen stempeln wollen, die sich der Erde Mitschöpfer nennen, Mitschöpfer an der Weltallarbeit und an der Weltallfreude. Denn nicht mehr Knechte sind nach dieser Erkenntnis an der Arbeit, sondern Herren ihrer Lust, Herren ihrer Sorge. —
Ich war still stehen geblieben und hatte über den Main gestarrt und hatte meinen Freund neben mir vergessen. Und wie ich meine Blicke hob, stand in der Richtung nach dem Steinbachstal, wo auf Meilen sich der Guttenbergerwald hinstreckt, ein großer funkelnder Stern, die Venus.
Und die Liebe? Wird deine neue Weltanschauung auch der Liebe den richtigen Wert geben? Es war mir, als spräche das eine feine Stimme aus dem blitzenden Punkt dort vom Himmel herab.
Ich wußte damals noch nichts von der Liebe und konnte mir nicht sogleich antworten.
Leben allein ist wenig, wenn es nur dem Erhaltungstrieb zuliebe geschieht! Ich hatte mir aber, solange ich zurückdenken kann, immer vorgestellt, daß das Liebesgefühl zu erleben das Lebenswerteste sein müßte.
Nicht die Sättigung des Magens, nicht das Wettrennen um das tägliche Brot, nicht einmal den Dichterruhm und nicht die Dichterunsterblichkeit wünschte ich zu erreichen, wenn ich dabei auf das Erleben des Liebesgefühls verzichten müßte.
„Alles wirst du stärker erleben, als es je eine Zeit erlebt hat. Verstehst du denn nicht: vom Augenblicke an, wo du keinem Weltphantom huldigen mußt, wirst du deine Huldigungen allen Lebensregungen unverkürzt zukommen lassen. Die Anbetungsstunden und Andachtsstunden, die dich aus deinem eigenen Ich entfernten, wirst du nun zu Anbetungsstunden und Andachtsstunden aller Lebensgefühle machen.
Und auch das Liebesgefühl wird dann von dir reicher bedacht. Du wirst keinen Gott höher stellen als das Herz der Frau, die du auserwählen wirst, und du wirst auch in ihr, der Geliebten, eine Schöpferin begrüßen, wie sie dich als einen Schöpfer begrüßen muß.
Die Frau hat wie der Mann ihre bestimmte Tätigkeit, in der sie am Weltall mitarbeitet, die, wenn sie auch nicht deiner Tätigkeit gleicht, doch ebenso wertvoll und dem Weltbau unentbehrlich notwendig ist, wie das, was du leistest.“ — So redete ich mit mir.
„Sind Sie nun beruhigt?“ fuhr mein Freund fort, als ich ihn lächelnd ansah und in meinem Innern keine Abweisung mehr fand für die neue Empfindungswelt, die er mir anbot.