„Es leuchtet mir ein,“ sagte ich, „daß die alte Welt, die Bilderwelt der Kirchen und Bibelideale, von den Künstlern so ausgeschöpft ist wie ein Jahr, das ausgereift und längst abgeerntet worden ist. Ich ahnte aber vor unserer Aussprache noch nicht, woher neue Ideale kommen sollten, neue Felder der Phantasie.
Aber noch stehe ich bei Ihren Worten auf keinem sicheren Boden. Ich muß mich zuerst einleben in das, was Sie mir enthüllten.
Ich wünschte, daß die Begeisterung, die vorhin sich meiner beim letzten Sonnenstrahl, der dort aus dem Tal kam, bemächtigte, anhalten möchte. Ich fürchte aber, wenn ich Ihnen heute ‚gute Nacht‘ gesagt habe, werden in den nächsten vierundzwanzig Stunden aus der alten noch nicht abgestorbenen Kirchenwelt alle Zweifel wieder auf mich einstürmen.“
„Das macht nichts,“ sagte der junge Philosoph. „Sie werden noch oft zweifeln müssen. Ich glaube aber, ich kann alle Ihre Zweifel verjagen. Übrigens wird das nicht einmal nötig sein. Ich glaube, Sie selbst werden sie verjagen. Denn da Sie Dichter werden wollen und nicht auf abgeleierten Wegen gehen wollen, wird die Sehnsucht, einen neuen Weg zu finden, Sie von selbst der neuen Weltanschauung entgegentreiben.
Dafür ist mir gar nicht bang. Jeder, der vorwärts will, muß jetzt diesen Weg gehen. Und da die Welt nicht stehen bleibt und auch nicht rückwärts geht, werden alle Menschen von morgen diesen neuen Weg gehen müssen, da es für das Menschengeschlecht keinen anderen Weg gibt, als den Weg fortgesetzter Aufklärung.
Auch die Dümmsten werden zuletzt mit fortgerissen werden und werden mitgehen müssen, da die jetzt kommende Zeit der Menschheit einfach keinen andern Weg zum Vorwärtsgehen übrig läßt, als diesen einen Erkenntnisweg, der da heißt: wir alle sind Schöpfer an der stets fortschreitenden Schöpfung, die wir Leben nennen. Über dem Einzelnen gibt es keinen einzelnen Schöpfer, sondern wir selbst besitzen alles, und alle besitzen uns.“
Diese Spaziergangsstunden waren dem August-Nachmittag vorausgegangen, von dem ich jetzt weiterfort erzählen will, und der dann zur Folge hatte, daß ich mich dann äußerlich beinahe von meinem Freunde lossagte, obgleich ich ihm innerlich ein treuer Freund war.
Man muß bedenken, daß wir beide blutjung waren, er nur einundzwanzig Jahre alt, ich nur dreiundzwanzig.