Es ist gerade dieses Alter, in dem man als Jüngling die meiste Zeit und den größten Drang hat, eine Weltanschauung zu suchen, die einem ein Leitfaden durch das Labyrinth des Lebens werden soll.

Diese Jahre sind die Brutjahre der Ideale, da man noch von keiner Meisterschaft in irgend welcher Tätigkeit in Beschlag genommen worden ist. Man läßt sich leicht von Menschen anziehen und leicht abstoßen. Man ist noch nirgends für immer fest verkettet, man ist in jenen Jugendjahren wie ein Samenkorn im Wind, das weiterfliegt und noch keinen Wurzelplatz gefunden hat.


Man sollte nun meinen: nach jener Aufklärung, bei der wir uns beide zu unseren äußersten Geistesgrenzen erhoben hatten und gleichsam über der Erde im Äther des Weltraums gesprochen hatten, hätte es nie mehr für uns möglich sein können, in alltäglichen Dunkelheiten unterzutauchen.

Aber so, wie ich das Gespräch jenes Abendspazierganges hier niederschrieb, ist dasselbe nicht in Wirklichkeit gesprochen worden. Sein Sinn und seine Bedeutung waren wohl dieselben. Aber die Einheit des Gedankenganges stand nicht so geradlinig vor uns. Alles wurde schwankender, im unklaren Plauderton, ausgedrückt, und ich gebe heute, nach dreiundzwanzig Jahren, mehr das Gespräch unserer Geister wieder als das ungelenke und unbeholfenere Gespräch unserer Lippen, das ich natürlich nicht behalten konnte.

Das Endergebnis jenes Abends war, daß ich den neuen Aufklärungen meines Freundes keinen hartnäckigen Widerstand oder eigensinnige Taubheit, welche gleichbedeutend mit Dummheit gewesen wäre, mehr entgegensetzen konnte oder wollte. Im Gegenteil: ich verfiel in einen neugläubigen Übereifer, und diesem allein schreibe ich auch jene verhängnisvolle Probe zu, mit der wir die neue Weltanschauung, ganz unsinnig, äußerlich prüfen wollten.

Wie eine Belastungsprobe bei einer neuen Brücke gemacht wird, so derb gedachten wir auch einen raschen äußerlichen Beweis von der Macht der neuen Weltanschauung liefern zu können.

Ich hatte meinem Freund gesagt: „Angenommen, daß der Mensch gleiche Schöpferkraft hat wie der Schöpfer, den wir uns früher über das Weltall gesetzt vorstellten, dann kann ich recht gut verstehen, daß die Wunder, die Christus tat, wenn er lebenden Leibes zum Himmel gestiegen ist, Wasser in Wein verwandelte, Lahme gehen machte, Blinde sehend und Tote auferstehend, — daß eigentlich diese Wunder von jedem Sterblichen geleistet werden könnten.“

Diese Frage warf ich Monate nach jenem Frühlingsabend auf, nachdem ich, losgetrennt von meinen alten Überlieferungen, sozusagen zwischen der alten und neuen Welt vagabondierte. Denn, wenn auch der Geist rasch an der Schwelle einer neuen Erkenntnis steht und blitzartige Aufhellungen genossen hat, — bis der Leib sich an das neue Licht gewöhnt, hat es noch gute Weile.

Alles, was ich an Dichtungen zu schreiben anfangen wollte, neigte noch nach der alten Seite hin, und mein Geist sagte mir, daß ich noch nicht in den Sinnen reif sei, um schon sofort ein Gedicht oder eine Dichtung auf dem Weg der neuen Weltanschauung zu schaffen.