Darüber war ich unglücklich, denn nichts war mir von jeher widerlicher gewesen als Tatenlosigkeit. Seufzer stiegen in mir auf und heimliche Vorwürfe gegen meinen Freund, der mir alles, was jahrhundertelang niet- und nagelfest gewesen war, gelockert hatte.
Ging ich an den schönen alten ehrwürdigen Kirchen vorbei, so sagte ich mir jetzt: es wohnt gar kein Gott darin. Und die Priester dort und die Andächtigen schauen zu einer Leere auf, als ob sie ein leeres Loch in der Luft anbeten.
Und ich bemitleidete alle Menschen, alle, die mir begegneten, von meiner Familie angefangen bis zur Obrigkeit des Landes. Sie alle schienen mir bedauerlich, da sie eine große Null als ihren Herrscher ausgerufen hatten.
Es ging mir wie in jenem Märchen, in dem es heißt, daß ein König bei einem Festzug im Hemd durch die Straßen gegangen ist und es allen Leuten bei Todesstrafe verboten war, zu sehen und zu sagen, daß der König nur ein Hemd anhabe. Denn der König behauptete, ein kostbares Gewand anzuhaben, und niemand durfte dieser Behauptung widersprechen. Bis endlich aus der schweigenden Menge ein kleines unschuldiges Kind, das einen Königsmantel sehen sollte, wo keiner war, harmlos ausgerufen hat: „Aber der König hat nur ein Hemd an. Er hat ja gar keinen Mantel an!“ —
So ging es mir jetzt den Menschen und den Kirchen gegenüber. Ich hätte gern in alle Kirchentüren hineingerufen: „Ihr guten Leute, die ihr da kniet, steht doch auf und geht heim und versäumt die Zeit zur Arbeit nicht und versäumt die Zeit zur Liebe eurer Frauen nicht und versäumt nicht die Zeit zur Bewunderung der Welt, von der ihr Mitschöpfer seid. Es ist gar kein Gott im Himmel, nur Luft und Leere; jeder von euch ist sein eigener Gott.“
So vereinsamt, alleinstehend, einer neuen Weltanschauung verfallen, die nur jener Freund mit mir teilte, fühlte ich mich aber nicht wohl, ich, der ich gerne gesellig sein und die Menschen lieben und achten wollte. Und daß mir von allen Menschen niemand übrig blieb als dieser junge Philosoph — mit dem ich mich plötzlich allein, wie von der ganzen Menschheit getrennt sah, nachdem ich auf seine Gedankengänge eingegangen war —, das plagte mich. Denn ich war jung und wollte gern durch die Menschenschwärme gehen, die Menschheit erlebend und liebend, und wollte ein einfacher Mensch unter Menschen sein und keinen Sonderling vorstellen.
Der junge Student hatte seine Eltern und seine Heimat in einer andern süddeutschen Stadt, und in meiner Stadt kannte er, mit Ausnahme von einigen Mitstudierenden, denen er sich aber wenig anschloß, fast niemanden.
Er arbeitete in seinen Mußestunden an der Atomkraftlehre, die er später niederschreiben wollte, und deren vertieftes Durchdenken und Klarlegen ihm bereits zur Lebensaufgabe geworden war.
Zu Anfang war es wohl wunderschön, wenn wir uns abends trafen und als zwei verkappte Weltumstürzler an den Provinzlern und Kleinstadtleuten vorübergingen. Diese fanden an uns beiden vielleicht nichts anderes merkwürdig, als daß der junge Philosoph untersetzt war, aber im Gesicht eine kluge regelmäßige Linie zeigte, außerdem ein Augenglas trug und auf der Oberlippe einen kaum beginnenden Bartflaum. Und an mir fiel auch nichts auf als der überstarke Haarwuchs auf meinem Kopf. Auch an unserer Kleidung war nichts Aufrührerisches. Mein Freund trug, solange ich ihn kannte, hechtgraue Kleider von einfachstem Schnitt, während ich meistens schwarze Stoffe trug und mich höchstens durch eine etwas gewähltere Krawatte auszeichnete.