Der junge Philosoph war von Haus aus Katholik, ich Protestant. Aber es war selbstverständlich, daß Religionsunterschiede nie zwischen uns zu Tage traten, da wir uns über jede Religion erheben wollten.
So dachten wir auch, als ein dritter junger Mann, welcher Jude war, sich zu uns gesellte, keinen Augenblick über seine Religion nach und fühlten ihn, nachdem er von dem jungen Philosophen in die neue Weltanschauung eingeweiht worden war, als einen geistesfreien Menschen uns zugehörig. Wenn wir von den neuen Gedankenwegen sprachen, waren wir alle drei wie ein einziger Mensch, der da denkt, fragt und sich Fragen beantwortet.
Das Seltsame war aber, daß jeder von uns dreien aus einer strenggläubigen Familie stammte. Meine Mutter hatte der strengprotestantischen Sekte der Herrnhuter angehört, und in meines Vaters Familie waren viele Oberprediger unter meinen Vorfahren gewesen.
Der junge Philosoph hatte eine äußerst strenge Mutter, die jeden Morgen, Sommer und Winter, ihn und seine Brüder vor dem Schulbesuch in die Frühmesse geschickt hatte. Und jeden Sonntag hatte er die Kirche zweimal besuchen müssen, morgens und nachmittags. Ebenso mußte er jeden Monat zur Beichte gehen, und die äußerst scharfe Mutter, die nie mit schweren Strafen gegeizt, sammelte eifrig die Beichtzettel, die ihr den Beweis des Gehorsams geben sollten, den sie blindlings bei allem, was die Kirche betraf, von ihren Söhnen forderte.
Auch später noch, als mein Freund auf dem Gymnasium war, war sie eben so streng zu ihm gewesen. Und nachher hatte sie ihn dann erst zum Studium auf die fremde Universität gehen lassen, als er ihr versprochen hatte, den Kirchenbesuch dort fortzusetzen. Und dieser junge Mann, der so aufklärend und auf meine alten religiösen Überlieferungen vernichtend wirkte, er besuchte regelmäßig — um seine Mutter nicht belügen zu müssen, wenn er in den Ferien heimkam und über den Kirchenbesuch ausgefragt wurde — jeden Sonntag vormittag eine katholische Kirche der Universitätsstadt.
Als ich ihn fragte, wie er das fertig brächte, in die Kirche zu gehen, sagte er: „Es ist mir ganz gleich, ob ich zu Hause auf meinem Zimmer oder in der Kirche über meine Atomlehre nachgrüble. Meine Mutter belügen mag ich nicht, das ist mir unbequem. Und würde ich nicht in die Kirche gehen, so ist diese Frau so stark, daß sie mich nicht weiterstudieren lassen würde. Also tue ich ihr den Gefallen. Ich bin das Nachdenken in den Kirchen schon von Jugend an gewöhnt und habe meine ganze Weltanschauung seit Jahren im Schutz der Kirchengewölbe und der Kirchenstille durchgearbeitet. Ich habe meiner Mutter nur versprochen, in die Kirche zu gehen. Für meine Gedanken in der Kirche aber hat sie mir kein Versprechen abgenommen, und dafür hätte ich ihr auch keines geben können.“
Der Vater meines Freundes, welcher als Direktor einer Fabrik, die auf dem Lande lag, nur des Sonntags zur Familie in die Stadt kam, hatte die Erziehung seiner Söhne dieser etwas gewalttätigen Mutter ganz überlassen und war zufrieden, wenn er Ruhe zu Hause fand, und wollte von keinem Streit und keinen Erziehungsangelegenheiten hören. Es hätte dem jungen Mann also nicht geholfen, wenn er in der Kirchenfrage sich an seinen Vater gewendet hätte.
Und so oft ich, der von Haus aus keinen Kirchenzwang kannte, den Freund, wenn er mich Sonntag nachmittag besuchte, fragte: „Warst du heute vormittag spazieren?“, da war seine stete und mich immer wieder verwundernde Antwort: „Ich? Nein. Ich war in der Kirche. Das mußt du doch endlich behalten. Ich bin wahrscheinlich unter allen Medizinstudierenden der beste Kirchengänger der ganzen Universität.“
Er sagte das lachend. Und ich schüttelte den Kopf und erstaunte immer wieder. Ich hätte ein solches Gleichgewicht von Beherrschung und Willen nicht aufbringen können, so glaubte ich immer und äußerte das zu ihm.
Da sagte er zu mir: „Tust denn du nicht dasselbe? Du lebst im Hause deines Vaters, bei ihm, der dich nicht Künstler werden lassen will. Und du beugst dich mit Beherrschung seinem Willen und lebst und arbeitest in seinem Geschäft und denkst dabei deine eigenen Gedanken, von denen dein Vater keine Ahnung hat.