Ich übte mich so in der Kunst, Kleinstes und Flüchtiges in bezeichnenden, nachdrücklichen Worten festzuhalten. Und deshalb wurde es mir allmählich auf den Spaziergängen schwerer, dem jungen Philosophen in allen seinen Gedankengängen über Chemie und Physik zu folgen.

Der neue Freund, den mir der Denker zugeführt hatte, und den ich zum Unterschied von uns beiden Sprechenden und Erörternden, da er wenig sprach, aber mitempfindend nickte und meist zuhörend war, den Schweigsamen nennen will, — dieser neue Freund war mir jetzt eine wahre Wohltat. Nach den ununterbrochenen Gedankengesprächen der vorausgegangenen Zeit wirkte er durch seine Ruhe und sein teilnehmendes Nicken wie jemand, der da war und doch nicht da war. Und man konnte sich vorstellen, daß, wo er in Gedanken war, es friedlich sein mußte, da er immer irgendeine Melodie leise vor sich hinsummte oder leise pfiff. Der Schweigsame setzte sich auch oft ans Klavier und spielte Chopin oder Grieg, während der Denker, wenn er sich ans Klavier setzte, nicht ohne Beethoven gespielt zu haben wieder aufstehen konnte.

So war der Sommer herangekommen, und nun komme ich in meiner Erlebnisschilderung bald zu jenem seltsamen Augustnachmittag.

Es war notwendig, den Leser mit der Entstehung jenes lebensbestimmenden Grundgedankens bekannt zu machen, der mir von jenem Freund, dem jungen Philosophen, gegeben wurde, da diese neue Weltanschauung, die sich mit der Zeit in mir festwurzelte, dann auch wirklich der Grundton aller meiner Liederbücher und Prosabücher wurde, die in den letzten zweiundzwanzig Jahren entstanden sind. Auch der Binnenreim und meine, die Kritiker immer wieder verwundernde, Heranziehung von wechselnden Vergleichen und Bildern des Naturlebens ist die Folge jenes befreiten Weltblickes und hat den Ursprung in einem Herzen, das sich Schöpfer und Geschöpf fühlt und nicht bloß sklavische Unterordnung unter überlieferte Begriffe kennt.

Viele Kritiker sagten Jahre hindurch, meine Bücher und ich selbst seien nirgends einzureihen. Dieses ist wahr, sie haben recht, da ich jetzt, wenn ich auf meine Bücher zurückblicke, mich, ohne mir schmeicheln zu wollen, den dichterischen Verkünder einer neuen menschenbefreienden Weltanschauung nennen kann.

Meine Gedichte werden oft mit den kurzen gedrungenen Liedern der Asiaten verglichen. Ich habe aber niemals weder chinesische noch japanische Literatur studiert. Ich kenne von diesen Literaturen nur einige wenige Gedichte, die in den letzten Jahren in Übersetzungen zu uns gekommen sind.

Ich erhielt öfters Aufforderungen von Literaturprofessoren, ihnen die Quellen zu nennen, aus welchen ich die japanischen Novellen und Liebesgeschichten entnommen, die ich nach meiner Reise um die Erde 1911 herausgab. Ich muß aber immer wieder und diesmal öffentlich erklären: ich kenne nichts von japanischen oder chinesischen Urtexten. Nur ein weniges, was in Übersetzungen zu uns kam, und das jene Herren viel aufmerksamer studiert haben werden als ich, kenne ich. Auf meiner Reise um die Erde, durch ganz Asien, von Bombay bis Yokohama, war es die vorher vor dem Leser ausgebreitete Weltanschauung, die mich der Seele der Asiaten sozusagen zum Zwillingsbruder machte. Und fühlt man seine Seele mit der Seele eines Volkes verwandt, und decken sich die Weltanschauungen, oder sind sie sich wenigstens sehr ähnlich, so ist es ein leichtes, das ganze Gebärdenspiel einer fremden Rasse, ihre Wünsche, Bedürfnisse und Begierden, auch die Wallungen ihrer Leidenschaften zu verstehen und miterleben zu können, so wie man es zu Hause bei dem vaterländischen Volk tut.

Durch Beobachtungsgabe und Rhythmusverständnis, die mir im Ohr und im Blut von meinen Eltern ins Leben mitgegeben wurden, die ich aber beide durch die Erfassung jener neuen Weltanschauung viel freier schulen und üben konnte, als wenn ich alten Überlieferungen und ausgetretenen Gefühlswegen nachgegangen wäre, sind mir auf meiner kurzen Reise durch Asien die Kulturen der morgenländischen Völker leicht vertraut geworden, so daß viele Kritiker behaupteten, ich müßte jahrelang asiatische Studien betrieben haben vor, während oder nach meiner Reise.

Und das ganze Geheimnis, warum ich Asien nahe kam, liegt doch nur in dem Weltallverständnis, das in jenem Satze enthalten ist: wir besitzen alles, und uns besitzen alle, und über uns ist kein anderer Besitzer. Dieser Satz, der der neuen Weltanschauung voransteht, macht einen jeden Menschen zum natürlichen Besitzer aller Lebensregungen, die der Erdball und der Himmel hervorbringen.