Wenn ein Dichter sich von alten beengten Überlieferungen befreit hat und die Freuden und Leiden der ganzen Erde gleich hält seinen eigenen und sich mitbeteiligt fühlt am Lebenszustand aller Rassen, ausgegangen von der engsten Heimat bis zur weitesten Ferne und zurückkehrend zur engsten Heimat, so ist es nicht mehr erstaunlich, wenn demselben dann Gedanken und Gedichte in Fülle zufliegen.

Die meisten Gebildeten heutzutage, die den Schöpfer über sich nicht mehr anerkennen, werden planlos vom Weltgetriebe umhergeschaukelt; die meisten, die die alten Überlieferungen ablegten, gehen ziellos umher, als einziges Ziel nur die Jagd nach ihrem Glück anerkennend. Die Einsicht aber, daß der Wert aller und ihr eigener Wert unzertrennbar von einander sind und ebenso das Glück aller und ihr eigenes Glück zusammengehören, diese Einsicht haben wohl viele, aber danach zu leben, wird ihnen schwer, weil sie nicht alle Leben als ihren festlichen Besitz und nicht sich als den festlichen Besitz aller Leben anerkennen wollen.

Dieser Besitz beschränkt sich nicht bloß auf die kurzen Menschenjahre, sondern es ist gemeint, daß der Besitz sich auch erstreckt auf alle Zeiten, auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, das heißt, auf alles Leben, dem wir immer angehört haben, angehören und angehören werden, und auf alle Schöpferkraft im Weltall.

Jedes Menschenleben ist ähnlich einem Künstler. Dieser verfertigt ein Buch, ein Bild, eine Statue, ein Musikstück; und ist eines seiner Werke beendet, so ist damit doch nicht sein Leben beendet. Er beginnt ein neues Werk, aber sein Leben steht hinter allen seinen einzelnen Werken.

So leben wir durch alle Zeiten neue Leben, und hinter allen diesen Leben steht unser eigenes ewiges Leben, das ewige Leben des Weltalls, von dem wir im Innersten Besitzer sind. Aber kein Leben steht über uns, kein Schöpfer und kein Richter; wir selbst sind unser Schöpfer und unser Richter. Diese Anschauung macht frei und verantwortlich zugleich.

Vielleicht wird mir einer zurufen: ach, das ist die Seelenwanderungslehre! Das ist altbekannt und nichts Neues!

Nein, es ist nicht die Seelenwanderung allein, die ich meine. Ich erkläre: wir alle sind längst Besitzer der göttlichsten Seelenruhe, des Nichtseins, des Nirwana, wie es die Asiaten nennen. Wir sind aber auch zugleich Besitzer des Seins. Beide Zustände sind untrennbar von einander in uns verschmolzen. Wir wandern nicht anders von Leben zu Leben, als der Künstler es tut, wenn er ein Werk nach dem andern vollbringt. Der Geist jedes Schaffenden steht hinter allen seinen Werken in göttlicher Ruhe und Betrachtung. So stehen wir hinter unseren Leben.

Wir sind von Leben zu Leben durch die Jahrtausende wandernd, die Jahrtausende erlebend gegangen, so wie ein Meister von Werk zu Werk tätig ist und doch hinter seinen Werken, Ruhe bewahrend und mit göttlichem Geist die Werke betrachtend, unsterblich lebt.

Und nun will ich an Stelle des Wortes Werk das Wort Fest setzen. Der Elendste unter uns Menschen, das Elendste unter den Tieren und das Elendste unter allen Atomen feiert das Fest seines Werkes, so lange es sein Leben liebt. Wenn ihm das Werk nicht mehr genügt, ihn das Fest seines Lebens nicht befriedigt, so legt er dieses Leben fort und wird ein neues beginnen, ein neues Werk, ein neues Fest.