Das heißt, jedes Lebewesen kann sich unbewußt oder bewußt sterben lassen, mit oder ohne Gewalt. Aus der Ruhe seines urewigen Lebensatoms heraus wird dieses Lebewesen die Gestalt, in der es Schöpfer war, z. B. den Körper Mensch, Tier, Pflanze eingehen lassen und sich mit neuer unerschöpflicher Werk- und Festlust, die wir Lebenslust oder Schöpferlust nennen, neue Gestalt geben.

Jeder wird nach dieser Ausführung verstehen, daß diese Art Seelenwanderung, wenn man sie so nennen kann, zwar ähnlich jener bekannten Annahme von der Seelenwanderung ist, aber da sie aus Schöpferlust geschieht und keinen Zwang bedeutet, ist sie mehr, sie ist festlich. Dieser Gedanke ist eine Verschmelzung von christlicher Anschauung und buddhistischer Anschauung.

Jede Halbkugel der Erde gab ihren Geist zum Aufbau dieses Ideales, dieser neuen Weltanschauung. Die Asiaten behaupteten, daß wir gezwungen von Leben zu Leben gehen müssen, wenn wir uns nicht durch steten Lebensverzicht von der Lebenswiederkehr bewahren und so durch fortgesetzte Abtötung des Lebenswillens uns zum Nirwana, zur höchsten Seelenruhe bringen. Der Asiate sieht also die Seelenwanderung, das Weiterleben, wie eine Strafe an und das Leben wie eine Plage, aber die Seelenruhe, das Nichtsein als das einzig lebenswerte Ideal.

Der Geist des Abendländers dagegen gibt die Lebenslust nicht auf. Er findet es feig, auf das Leben zu verzichten. Er sieht das Leben als eine Aufgabe an, als ein Werk, an dem er arbeitet, und jene träumende Seelenruhe des Asiaten erscheint seinem europäischen Lebenswillen unbehaglich. Und der neuzeitliche Abendländer kann sich unter der Seelenruhe nach dem Tode und ihrer Seligkeit gar nichts mehr vorstellen, da er immer kräftig lebenstätig ist und unermüdliche Lebenstätigkeit über unendliche Ruhe setzt.

Das neue Ideal aber oder die Weltanschauung, die sich ergibt, wenn wir die edelsten Regungen des morgenländischen Geistes und die des abendländischen Geistes zu einer einzigen Lebenserklärung zusammenstellen, dieses Ideal, oder diese Weltanschauung sagt: Wir sind immer ungezwungen Schöpfer und Geschöpfe gewesen und werden es immer sein, das heißt: wir sind immer im Besitz ewiger und endlicher Kräfte gewesen. Jedes neue Leben, das wir erleben, ist uns ein festlich stimmendes Werk, hinter dessen Endlichkeit unsere eigene Unendlichkeit weiterlebt und stets mit Schöpferlust nach neuen Werken und Festen greift.

Wir sind ewige Besitzer der Schöpferkraft seit allen Zeiten. Wir und alle kleinsten und größten Lebewesen sind immer ewige Besitzer einer ewigen Ruhe, die wir nicht erst in einem fernen Nirwana oder Himmel zu erreichen brauchen. Und wir sind außerdem die ewigen Besitzer des Lebens, des festlichen Wechsels in der Ruhe, dessen Gestaltung wir selbst bestimmen aus unserer unendlichen Schöpferlust heraus.

Christus, der große Weise und große Mensch der weißen Halbkugel, sagte: „Ihr sollt nicht sorgen für den morgigen Tag, das heißt, euch nicht zu viel Unruhe machen. Der Vater im Himmel sorgt für euch wie für die Lilien auf dem Felde.“

Jener Vater im Himmel ist unsere eigene, ewig in uns wohnende und uns gehörende unsterbliche Schöpferlust, die Atomkraft, wie mein Freund, der Philosoph, sagte, deren Ruhe unerschütterlich ist, vor der unser jeweiliges endliches Leben weniger als den millionsten Teil eines Atoms bedeutet. Diese Schöpferkraft wohnt in uns wie in allen, die mit uns in die Weltallerscheinung treten und am Weltallwerke und Weltallfeste mitarbeiten und mitfeiern. Dieser unserer Schöpferkraft müssen wir uns bewußt werden, um uns nicht bloß als die schwachen Geschöpfe und als Sklaven eines endlichen Lebens oder einer ewigen Seelenwanderung zu fühlen.

Wir streben weder einem Himmel noch einem Nichtsein oder einem Nirwana zu. Das Nichtsein ist uns so gut angeboren wie das Sein.

In unseren tiefsten, erhabensten Augenblicken kehren wir bei unserem Nichtsein ein. Wir fühlen uns dann weltfern. Wir kehren dann in unsere Weltferne zurück, in das Apogäum, wie die Griechen sagten, in das Nirwana, wie es die Asiaten nennen.