Und nun war schon die Weihnachtszeit gekommen, und ich stand unzufrieden am Fenster und fütterte hungernde Vögel, und unter den Hungernden sah ich auch als grauen Vogel meine Seele hin und her fliegen.
Aber sie war scheu. Fürchtete sie den Wirklichkeitsblick meiner Augen? Sie wollte sich nicht in mir niederlassen und mir nicht von der Vergangenheit vorsingen.
Die Sperlinge, Amseln und Finken, die auf die Fensterbank kamen, wurden satt, aber meine Seele blieb hungrig, und meine Hände nahmen täglich unruhigere Bewegungen an, und meine Augen lasen nur die hastigen Kriegsnachrichten der Zeitungen und nahmen sich nicht die Ruhe, in mir selbst zu lesen.
So feierte ich ein unglückliches Weihnachtsfest. Ich war so viel zwischen dem fernen Balkan, dem Kriegsschauplatz, und meinem Zimmer hin und her geflogen, daß ich den Fluß unter den Fenstern, den alten Main, nicht mehr rauschen hörte, dessen Rauschen mir sonst in wachen Nachtstunden viele Betrachtungen aus der Stille der Vergangenheit herbeigeholt hatte.
Ich fragte mich oft: ist meine Heimat vor den Fenstern verschwunden? Es war, als stünde mein Zimmer irgendwo in einer seelenlosen Fremde.
Viel zu viel hatte ich bei den Zeitungen meine Stunden verbracht, und Wirklichkeitslärm hatte sich in meine vier Wände eingenistet, so daß das Buch, das ich der Vergangenheit widmen wollte, unmöglich in dieser seelenlosen Umgebung aufwachsen konnte.
Oft trug ich mich mit dem Gedanken, fortwandern zu müssen in ein abgeschiedenes Gebirgsdorf, in ein Berghaus in tiefem Schnee, wohin keine Zeitung und kein Briefbote kommen konnte, in Einsamkeit, wo die Gegenwart sich leicht in Vergangenheit umwandeln kann.
Aber nein, sagte ich mir, ich will noch das neue Jahr erwarten. Die Heimatluft ist mir noch nie untreu gewesen. Immer gab sie mir Arbeitsfrieden, wenn ich nur recht eindringlich danach verlangte. Warum sollte ich dieses Mal auswandern müssen?
Und ich blieb und fütterte weiter die Vögel an meinem Fenster und sah in die schönen blauen Wintertage, die zu dieser Weihnachtszeit mild wie Märztage waren.
Drei Tage vor Neujahr wanderte ich am letzten Sonntagnachmittag des alten Jahres mit meiner Frau über die Nordseite des Nikolausberges, um über dem Berg fort das kleine Haus im Guckelsgraben aufzusuchen, das ich mir in diesem Jahr hatte bauen lassen, und das im Frühjahr meine Wohnung werden sollte.