Die Götterlehre der Griechen und Römer, die Götterlehre der alten Germanen und Kelten, die Götterlehre der Egypter, die Götterlehre der Inkas und viele Weltanschauungen noch vieler Völker, die jahrhundertelang Familiensitte, Landessitte gestaltet und geleitet haben, sind vom Erdboden verschwunden. Und wir wundern uns nur, daß das damals scheinbar Unerschütterliche erschüttert werden konnte, absterben und schwinden konnte.

Der Leser wird selber verfolgen können, wenn ich ihm jetzt die Entstehungsgeschichte meiner Bücher und die Richtung meiner Lebenswege schildern werde, daß ich alle Kraft, alle Arbeit, Eigenart und Lebensbejahung dreiundzwanzig Jahre lang nur aus dem Weltfestlichkeitsgedanken und Weltfestlichkeitsgefühl schöpfen konnte.

Aber man möge mich nicht falsch verstehen und meine Rede nicht mit der Rede des Pharisäers vergleichen, der stolz auf seine Brust deutete und sagte: „Seht, bin ich nicht immer gut, immer gerecht und wohltätig gewesen.“

Keinen Stolz sollt ihr aus jenen Zeilen, die ich bis jetzt niederschrieb und keinen Stolz aus denen, die ich schreiben werde, herauslesen, keinen Übermut und keine Überhebung über alle die, welche anders denken.

Es fällt mir auch nicht ein, den dumm zu finden, der meine Worte nicht begreifen kann. Wer heute nicht in der Sonne liegen mag, weil er sich ans Dunkel gewöhnt hat, wird vielleicht morgen den sonnigen Platz, den sonnigen Lebensplatz selbst aufsuchen, wenn er sich an den Gedanken vom Dunkel zum Licht gewöhnt hat. Ich jedenfalls halte meine Weltanschauung für die wärmste unter der Sonne.

Wer das Leben bisher als eine Strafe oder als eine Notwendigkeit oder als ein Jammertal oder als eine Aufgabe oder als eine Pflicht oder nur als einen sinnreichen Mechanismus oder als ein sinnloses Chaos betrachtet hat, oder als eine blind zupackende Wollust oder als eine unheilbare Krankheit — denn alle diese Anschauungen habe ich aus dem Munde lebender Menschen gehört —, wer eine von diesen genannten Anschauungen vertritt, der möge doch wenigstens seinem heranwachsenden Kinde oder der unbefangenen Jugend den Lebenssinn als eine weise Festlichkeit auslegen.

Und der wird sicher erleben, wenn er dieses mit Geduld und Freundlichkeit unternimmt, daß er einen größeren Vorteil davon haben wird, weil er sein Kind reicher macht, befreiter, als es die früheren Kinder waren, weltverständiger und dadurch edler. Und weltverständige und reichgemachte Kinder werden ihren Erziehern mehr Glück, Ehre und Vergnügen bereiten als eingeschüchterte, verheuchelte oder in Weltunkenntnis einseitig und also arm erzogene Menschengeschöpfe.

Sagt dann euren Kindern, wenn sie euch nach Herkunft, Sinn und Ziel des Lebens fragen, sagt ihnen zuerst, daß sie Schöpfer und Geschöpfe zugleich sind seit ewigen Tagen und in ewigen Tagen, und daß ihre augenblickliche Menschengestalt wirklich und unwirklich zugleich ist, sowie alle Leben rundum, sowie das ganze Weltalleben.

Sagt ihnen dann weiter: „Wir erinnern uns nicht und könnten nicht antworten, wenn wir plötzlich gefragt werden: Was haben Sie vor zwei Jahren am letzten Januartag in der sechsten Stunde des Tages gedacht und erlebt?“ — So ist es auch mit unserem früheren Leben. Wir kennen es äußerlich nicht mehr, so wie uns die Speisen nichts mehr angeben, die wir vor zwei Jahren verdaut haben.

Nur dem inneren Leben ist alles unvergessen geblieben. Schon die Sekunde, während ihr diese Zeile lest und aussprecht, ist aus der äußeren Wirklichkeit in die Unwirklichkeit geglitten und hat einer anderen wirklichen Sekunde Platz gemacht, die auch wieder unwirklich wird, bis ihr ausgedacht habt.