Zwei Wege führen von der Stadt zum Gut herauf, und ich erwartete, auf einem derselben den Kopf meines Freundes auftauchen zu sehen, der zum Spätnachmittag heraufkommen wollte und bei mir sitzen wollte, während ich mich im Landschaftszeichnen üben würde.
Am Abhang vor der Terrasse lagen die Felder, hohes Korn und saftiger Klee, windstill. Die Hitze des Tages lastete auch noch spät in der Nachmittagsstunde drückend auf jedem Halm, und im Westen hatten sich dunkle Gewitterwolken angesammelt. Aber die Täler und die Stadt im Tal lagen noch breit im glühenden Nachmittagsonnenschein.
Die Gartenterrasse, die sich haushoch an jener Ecke, wo ich stand, über den Bergabhang erhebt, war ein guter Aussichtsplatz, und man konnte sich hier leicht Herr der ganzen Welt fühlen.
Ich wurde endlich ungeduldig, weil ich zum Landschaftszeichnen von der Terrasse auf den Berg gehen wollte und mein Freund nicht kam. Ich hatte einige Tage vorher zu dem jungen Philosophen gesagt: „Ich finde, wir nützen deine neuen Weltallgedanken viel zu wenig aus. Du willst diese Gedanken nur auf die Chemie und auf die Physik anwenden, und ich soll sie nur auf die Dichtung anwenden. Wäre es nicht einfacher, wenn wir, um jene Gedanken einmal auf ihre Echtheit zu prüfen, — ich meine von ihnen besonders den Gedanken, daß wir Schöpfer und Geschöpf zugleich sind und keinen einzelnen Schöpfer über uns haben, — wäre es nicht möglich, wenn dieser Gedanke wahr ist, daß wir uns dann auch im alltäglichen Leben als Schöpfer gebärden müßten, so daß man alle diese Wunder spielend vollbringen könnte, welche zum Beispiel Christus vollbracht haben soll?“
So vermessen fragte ich, da ich den Begriff Schöpfer nicht im weitesten und nicht im tiefsten Sinne nahm und nicht begriff, daß ein weiser Schöpfer seine Schöpfung klug empfunden und erdacht hat und sich nicht willkürlichem Wunderwirken ergehen wird, nachdem er weise und mit Liebe an seinen Werken tätig war.
Es wird keinem Bildhauer, wenn er ein Meisterwerk vollendet hat, einfallen, sich noch mehr Beweise seiner Schöpfungskraft geben zu wollen, indem er ganz unnütze und unnötige Änderungen an dem vollendeten Meisterwerke vornimmt. Indem er zum Beispiel Willkür walten läßt und plötzlich einem herrlichen Menschenbild, das er geschaffen hat, Ohr und Nase abhackt und das Ohr dorthin setzt, wo vorher die Nase war, und die Nase an Stelle des Ohres anbringt, und dieses nur, um sich zu beweisen, daß er tun kann, was er will, weil er Schöpfer ist. So unsinnig wird kein weiser Meister handeln.
So unsinnig aber forderte ich jetzt Verwandlungswunder, die mein Freund ausführen sollte als sichtbare Beweise für die neue Weltanschauung, weil diese sagt, daß wir Schöpfer und Geschöpf zugleich sind.
„Daß ich Geschöpf bin, habe ich immer gewußt. Nun will ich auch an mir erfahren, daß ich Schöpfer bin,“ so hatte ich zu ihm gesprochen. „Wenn du keine Wunder vollbringen kannst, dann bist du nur Geschöpf, und der Schöpfer lebt dann doch über dir. Beweise mir einmal deine Macht, oder beweise dir selbst deine Ohnmacht.“
Von dieser Sprache wurde der junge Philosoph gereizt. Es war ihm etwas ganz Unfaßbares — das sah ich ihm an —, daß ich mich nicht reich genug fühlte durch die Gedanken, die er in mir angeregt hatte, und die allmählich auf meine Lebensumwandlung und auf meinen Dichterberuf, dem ich im Innersten zustrebte, schöpferisch wirken sollten.
„Du wirst das Schöpferische an dir erleben. Warte nur, warte nur! So geht das nicht, wie du es dir denkst. Es kommt nicht auf Wunder im Leben an, sondern auf Bereicherung des Lebensfeldes, Bereicherung an Lebensverständnis. Mit Wunderwirken hat die neue Weltanschauung nichts zu tun. Wunder sind billige Verblüffungen für das gedankenlose Volk und nicht nötig für den Denker.“