„Gut,“ sagte ich ungeduldig, „dann rechne ich mich zum gedankenlosen Volk. Denn, was heißt unumschränkte Schöpferkraft anderes, als daß du tun und lassen kannst, was du magst. Christus ist übers Wasser gegangen, Christus ist in den Himmel gestiegen, Christus hat Wasser in Wein verwandelt. Und dieses vollbrachte er alles vor den Augen seiner Jünger, so sagt man. Und er tat dies, um sie gläubig für seine Weltanschauung zu machen und ihnen seine Macht zu beweisen.
Du willst, daß ich meine alte Vorstellungsmacht vom Schöpfer beiseite legen soll und jeden Menschen als Teilhaber an der Schöpfungskraft erklären soll. Beweise mir dieses, daß wir Mitschöpfer sind, durch Wunder. Steige vor mir zum Mond auf oder laß die Wolken, die da weiterziehen, plötzlich stillstehen. Tue irgend etwas Außergewöhnliches, und ich werde nie mehr an deiner Weltanschauung zweifeln und will ihr erster Jünger und erster Verkünder werden.“
Mein Freund sah mich bei dieser Aufforderung an, halb gekränkt, halb beleidigt und zuletzt ärgerlich. Dann aber änderte sich plötzlich sein Gesichtsausdruck, und er lachte sein altes Lachen wieder, ein wenig spöttisch und klug.
„Darauf war ich wirklich nicht gefaßt,“ meinte er immer noch lachend, „daß du darauf verfallen könntest, Wunder zu fordern. Ich habe mir noch nie überlegt, ob Wunder nötig sind, um die neue Weltanschauung, die die Mündigsprechung der Menschheit umfaßt, zu beweisen. Laß mich überlegen bis morgen, dann werde ich dir Antwort sagen.“
Und er schnitt kurz das Gespräch ab und sprach von etwas anderem, als wenn er meine Frage vergessen wollte.
Ich sagte ihm aber noch einmal eindringlich, daß ich es lächerlich fände, einen solchen Ausspruch in die Welt zu setzen, sich Schöpfer zu nennen, wenn man dann doch nicht mehr tun kann, als man bisher geleistet hat.
„Du bist noch nicht tief genug in die neue Weltauffassung eingedrungen,“ antwortete er mir kurz. „Die schöpferischen Leistungen werden sich ganz von selbst einstellen, aber nicht so, wie du sie erwartest, nicht als Wunder, sondern als neue Leistungen in der Weltvertiefung.
Deine Gedichte werden zum Beispiel ganz anders werden müssen, einen neuen Rhythmus, einen neuen Bilderreichtum und größere Verinnerlichung aufweisen als die Dichtungen jener Zeit, die sich auf den Standpunkt stellten, daß nur der Mensch ein gottähnliches Geschöpf sei, Tiere aber unvernünftige Wesen wären und nicht gottähnliche Geschöpfe, und daß Pflanzen und Steine und alle Gegenstände und Wolken und Licht für den Menschen tote Dinge bedeuten.