Diese Einseitigkeit der alten Anschauung, die immer nur von der Menschenseele sprach, aber die die Schöpfung rundum als seelenlos behandelte, als verstandlos und geistlos, dieser Auffassung wirst du jetzt als Dichter in deinen Gedichten die Kameradschaft aller Lebewesen gegenüberstellen.

Tote Dinge gibt es nicht mehr. Wie ich dir erklärt habe, ist alles von Schöpferkraft durchdrungen, alles aus äußerem und innerem Leben entstanden, und alles lebt ein äußeres und ein inneres Leben, das heißt, alles ist Geschöpf und Schöpfer zugleich und lebt so seit Unendlichkeit und in Unendlichkeit.

Dieser Friedensspruch, den die Versöhnung aller Leben mit sich bringt, die Gleichstellung aller Kräfte, die Aufstellung, daß jedes Ding dich besitzt und du wiederum auch alles besitzt, diese Erhellung und Bereicherung des menschlichen Daseins, die bisher noch nicht ausgesprochen und nicht bewußt erlebt wurde, diese Weltanschauung wird gegen die frühere Auffassung bei den Menschen Wunder wirken.

Das Leben wird reicher und festlicher werden nach der Befreiung von den alten unfreien Gedanken.

Die neue Weltauffassung, sie befiehlt dir nichts. Sie erklärt dir nur, wer du bist. Sie erklärt, daß du Schöpfer und Geschöpf bist, das heißt, daß du von dir abhängig bist, von dir und deiner Schöpfung. Sie sagt dir noch: du bist der Besitz aller, und du besitzt alles, das heißt, du bist den Gesetzen deiner eigenen Gesetze unterworfen, denn nur aus Gesetzen entsteht eine Schöpfung. Und als Geschöpf bist du abhängig von dir selbst als Schöpfer, und es ist selbstverständlich, daß du als Schöpfer deine Schöpfung liebst, wie du dich selbst liebst. Ohne Drohung, ohne daß ein ‚du sollst‘ und du ‚mußt‘ einer fremden Macht über dir lastet, sondern in weiser Freiheit, bist du dein eigener Herr, erkennst dich mitarbeitend am ewigen Leben und erkennst dich als das ewige Leben selbst. Du nimmst dann von selbst die natürlichen Verpflichtungen, die sich bieten, auf dich, zugleich mit deinen natürlichen Ansprüchen am Lebensfest.

Die alte Weltanschauung verlegte dein Heil in ein künftiges Leben nach dem Tode. Die neue Weltauffassung von morgen ruft dir ein ewiges Heil in jedem Augenblick zu. Du bist in einer Seligkeit geboren, sagt sie dir, du erlebst diese heute mit wie vor tausenden Jahren und wie in allen kommenden Jahrhunderten. Sie erklärt dir: du warst, du bist und wirst sein Mitgenießer und Mitschöpfer.

Du brauchst nicht auf ein Heil zu warten. Du, Schöpferkraft, hast dich, Geschöpf, selbst festlich geschaffen, dich und die Schöpfung. Und müssen dich, Geschöpf, Sorgen bedrängen oder Leiden oder Strafen, weil du die Schöpfung nur aus Leiden und Freuden schaffen konntest, dann erlöst du dich als Schöpfer selbst, indem du die Gestalten wechselst, indem du dich, Geschöpf, verschwinden läßt und dich in einer andern Gestalt aufleben läßt. Von tätiger Freude zu tätiger Freude wanderst du. Dein Wesen ist die unerschöpfliche Schöpferlust und Schöpferkraft, dein Wesen ist die Ewigkeit, und deine Seligkeit heißt: Tätigkeit, Liebe und Weisheit in Unendlichkeit.“

So, nicht im Wortlaut, aber im Sinn, sprach mein Freund, der junge Philosoph, heftig auf mich ein. Ich ließ ihn reden und hörte nur verstockt zu, immer von der Gier nach den Wundern besessen, und ich war ein Tor, dessen Schatten erst über die Schwelle der Erkenntnis gefallen war, aber ich selbst stand noch draußen vor der Erkenntnisschwelle.

In meiner Jugendhitze wollte ich schnelle Taten sehen. Das Wort Schöpfer reizte mich. Ich wollte die Macht, die in diesem Worte lag, äußerlich vor mir aufleben lassen.