Am Tage besuchte ich gern die Museen. Ich ließ mich bei der Betrachtung dort von keiner Kunstgeschichte leiten, sondern gab mich nur den Eindrücken hin, die die Bilder auf mich ausübten, und ordnete für mich, je nach der Stärke oder Schwäche dieser Eindrücke, die Meister der verschiedenen Jahrhunderte nach meinem eigenen Gutdünken.

Und dabei fiel mir auf, wieviel Geistesqualen und wieviel Geistesentsagung aus den gemalten Gesichtern aller christlichen Jahrhunderte sprach. Dagegen frei und gesund und festlich trugen die griechischen Statuen in der Glyptothek ihre Mienen. Von Gedanken- und Körpergesundheit aufrecht gehalten und natürlich selbstbewußt, trugen jene festlichen Menschen der Heidenzeit ihren Leib.

In der alten Pinakothek dagegen sprachen die Menschengesichter der christlichen Zeiten, die ich da auf den Gemälden sah, von einer Bedrückung, durchdrungen von einer, wie mir schien, unaufrichtigen Bescheidenheit und einer eingebildeten Demut. Und jene Maler der Renaissance, die die Gestalten der biblischen Geschichte nackt darstellen, malten, gereizt vom Fleischton, die enthüllten Körper meistens in einer lüsternen Beleuchtung. Und nur bei ganz wenigen alten deutschen Malern, wie bei Holbein und Memmlinger, war das Fleisch streng, aber abgetötet behandelt.

Auch diese Bilder konnte ich nicht lieben. Die Körper waren von diesen Malern dargestellt, als sähe man erfrorene Bäume im Sommer, während bei den italienischen und niederländischen Meistern das Fleisch der nackten Menschen zu üppig strotzte, zum Beispiel bei Michelangelo und Rubens, als hätte das Fleisch ohne Geist wuchern dürfen und wollte Orgien feiern.

Ich traf auch hier wieder dasselbe Gefühl, das mich immer bei der Betrachtung der alten Weltanschauung begleitet hat: die Eindämmung der Lebenslust zur Lebensentsagung erzeugt wuchernde Phantasiegebilde, die nichts mehr mit edler Schönheit gemein haben. Nur eine natürliche Weltauffassung, eine selbstverständliche Weltanschauung, die den Menschen zum Schöpfer und Geschöpf erhebt und das Weltalleben einfach festlich ansieht, kann auf allen Gebieten der Künste festliche und natürliche Schönheit schaffen.

Die Griechen, die den Menschen nicht mit einer Erbsünde belasteten, die ihn frei aufwachsen ließen, denen die Götter des Olymps nichts anderes waren als Personen gewordene Menschengesetze, sie schufen festliche Schönheiten.

Der griechische Olymp, sagte ich mir, war nichts anderes als eine höhere Menschengesellschaft, eine erdichtete Versammlung höchster, schönster und weisester Menschen, die man wegen ihrer Vollkommenheit zu Menschenoberhäuptern ernannt hatte.

Die Götter waren anspornende Beispiele, um zu zeigen, wie hoch sich der Mensch entwickeln kann bei fortgesetzter Geistes- und Körperzucht.

Und jeder weiß, es war beim griechischen Volke nicht ausgeschlossen, daß mutige Naturen, Menschen, die sich auf Erden außergewöhnlich hervortaten, oder Menschen, die außergewöhnlich vollkommen zur Welt kamen, als Götter in die Versammlung des Olymps aufgenommen wurden, manche sogar nur wegen ihrer äußerlichen körperlichen Vorzüge, andere wegen ihrer geistigen und körperlichen Heldentaten.