Ich lernte dort bald einen jungen Maler kennen, der wie ich aus Not in die „Thalysia“ verschlagen war, und dieser erzählte mir vom Maler Dieffenbach, welcher zu jener Zeit bei einem Dorf im Isartal sich ein Atelierhaus gebaut hatte. Dies Haus war aus schwarzen Teerpappen zusammengenagelt. Und mit mannshohen gelben Buchstaben stand an dem Giebel der schwarzen Halle das Wort: „Humanitas“ geschrieben.
Man konnte Dieffenbach damals öfters in den Straßen Münchens begegnen, wenn er in die Stadt kam, um Besorgungen zu machen. Bart und Kopfhaar reichten ihm fast bis an den Gürtel. Er trug eine lange Kutte und ging in Sandalen, und die ganze Stadt kannte ihn, den verrückten Malereinsiedler vom Isartal, wie ihn die Leute nannten.
Die meisten Theosophen, die ich damals sah, trugen langes schlichtes Christushaar, das im Nacken weit über den Rockkragen fiel und nicht gut zum zweckmäßigen geradlinigen Männeranzug des neunzehnten Jahrhunderts stimmte. Das träumerische langherabfallende Haar stand im Widerspruch zu den knappen nüchternen Linien des Anzugs des Arbeiterzeitalters.
Daß übrigens die Theosophen und ihre Anhänger, die vom gedankenvolleren Norddeutschland in das lebensüppigere Süddeutschland gekommen waren, eigentlich im scharfen Widerspruch zur derben bayerischen Landesseele standen, das fiel mir auf. Aber so wie die Fische am liebsten an heißen Tagen an der Oberfläche des Wassers weilen und sich der warmblütigen Welt über ihnen behaglich nahe fühlen wollen, ohne doch ihre Wasserwelt aufgeben zu müssen, so schien es mir auch bei jenen Lotossehnsüchtigen zu sein. Man merkte, daß sie sich im derberen München, wo das Dasein mehr dem Leibe als der Seele zugewendet ist, wohler fühlten als im gedankensüchtigeren Norddeutschland.
Eigentlich war mir die Gedankensehnsucht dieser Menschen, die etwas Mitleiderregendes hatte, nicht unangenehm. Wenn diese Männer nur nicht alle selbst so mitleiderregend gewesen wären und so weltabgewendet, dann hätte ich mich gern mit ihnen unterhalten und mich ihnen nähern wollen. Aber daß sie der Wirklichkeitswelt, ohne nur von derselben gekostet zu haben, blindlings und vorurteilsvoll den Rücken wendeten und die gesunden Derbheiten des Daseins nicht ebenso zu beherrschen gelernt hatten oder beherrschen lernen wollten wie die Seelenwelt, und daß sie aus dem Wirklichkeitskampffest, das sie nur vom Hörensagen kannten, flüchteten wie Krieger, die plötzlich der Schlacht den Rücken wenden und sich unter eine Schanze setzen und sagen, es wäre unnütz zu kämpfen, denn einmal müßte ja doch diese Erde vergehen und alle ihre Genüsse, und gegen die Vergänglichkeit des Leibes könnte auch diese Schlacht nicht ankämpfen, und deshalb sollte man nur seine Seele befriedigen — das hat mich von ihnen abgestoßen, und ich fand es weder der Mühe wert, noch für mich von irgendwelcher Notwendigkeit, an jener Seelenüberzüchtung Anteil zu nehmen.
So wie der derber werdende Bürgerstand, der damals immer breiter das mittelalterliche Rittertum und seine Romantik nach Anleitung Makarts in Wien in üppigen Samt- und Stoffausschmückungen der Räume in Orgien der derbsten Geschmacklosigkeiten feierte, und dem die Tapezierer die Fenster und die Türen mit dunklen orientalischen Teppichen schwülstig bekränzen durften, so entgegengesetzt übertrieben zum sinnenrohen Treiben wirkte die Leere und die reizlose Klarheit, mit der jene Gruppe von Theosophen, die ich täglich sah, das sinnliche Leben betrachtete.
Die Bürger waren übertrieben in der Gestaltung des äußeren Lebens, die Theosophen übertrieben in der Flucht zum inneren Leben. Die einen hatten zuviel Weltnähe, die anderen zuviel Weltferne. Die einen arteten in Weltüppigkeit aus, die anderen in Weltfremdheit. Die meisten Bürger wünschten nur Feste der Sinne zu feiern, die Theosophen nur Feste der Seele. Und beide Menschengruppen schienen mir entrückt der Weltnatürlichkeit, der einfachen Weltselbstverständlichkeit. Sie feierten nicht das selbstverständliche Fest natürlicher Schöpferkraft, die inneres und äußeres Leben, Weltnähe und Weltferne in möglichstem Gleichgewicht erlebt.
Weder weltverwildert sein noch weltentfremdet werden ist dem großen weisen Fest des Lebens günstig. Weder Lebensüberhitzung noch Lebenserkältung ist das Ideal des Lebensfestes. Eine emsige Lebensfestlichkeit, die aber nicht das Leben schulmeisterlich verrenken will, wie es die Seelensehnsüchtigen gern möchten, und die ebensowenig zur Lebensgier anspornen will, diese natürliche Lebensfestlichkeit fand ich damals selten unter den Gesichtern der Straße, aber ich fand sie immer bei den Dichtern jener Zeit.
Alle die Dichter, die ich noch später kennen lernte, und alle, die ich bereits aus ihren Werken kannte, alle sogenannten „Modernen“ enthielten sich möglichst, seelisch schulmeisterlich zu wirken oder stumpfsinnig einseitige Lebensüppigkeit zu pflegen. Es war ein markiger festlicher Ernst in fast jedem neuen Buch, das damals aus der Gruppe der „Modernen“ erschien.
Aus allen diesen Gründen fühlte ich mich nicht hingezogen, Verkehr mit jenen Theosophen anzuknüpfen. Ich las nur manchmal in ihrer Zeitschrift „Sphinx“, die in dem vegetarischen Speisehaus auf den Tischen lag, und plauderte dort mit einigen Malern.