Meine Freunde, der Denker und der Schweigende, die zu jener Zeit in München die Universität besuchten, halfen mir in edelster Weise. Ohne ihre Mithilfe wäre ich vielleicht doch gezwungen gewesen, ins üppigere Vaterhaus zurückzukehren. —

In dem vegetarischen Speisehaus „Thalysia“ in der Landwehrstraße, in welchem ich mittags ein kärgliches Reis- oder Linsenkotelett aß, fand ich damals seltsame Menschen, von deren Anwesenheit auf der Erde ich vorher nichts geahnt hatte. Es waren Theosophen.

Diese Menschen mit blassen Gesichtern und großen vergeistigten Augen wirkten auf mich so befremdend, wie wenn man von einem zoologischen Garten in die Grotte eines Aquariums eintritt und hinter Glasscheiben im Wasser die Pflanzen der Tiefsee und die geschmeidigen Gestalten der Meeresfauna bei künstlicher Sauerstofferhaltung leben sieht.

Mir schien, jene Theosophen hatten die Geschmeidigkeit von Fischen oder Pflanzen, die schlank im reinen Wasser leben. Ihre Sehnsucht war, den Indiern ähnlich zu werden, und die Lotosblume, jene auf dem Wasser ruhende, keusche Reinheitsblume, war auch ihnen wie den Indiern das höchste Lebenssymbol.

Aber die Indier, aus dem reichen heißen Himmel, aus dem reichen heißen Tropenleben geboren, kamen sich zu kühlen, wenn sie sich zur Lotosblume neigten. Die Indier kommen aus dem Reich wildester Begierden und wollen ähnlich werden der Blume, die in Ruhe über kühlen Wassern schwebt. Es ist natürlich, daß sie sich aus dem natürlichen Sonnenbrand ihres Landes, aus ihres edelsteinschweren Landes Üppigkeit nach kühlender Einfachheit sehnen und dann bei der Weltflucht und der Weltentsagung anlangen. So wie der von der Sonne Überhitzte gern zum Schatten flüchtet. Dagegen jene Theosophen kamen, aufgewachsen im nebelgrauen Deutschland, in einem kargen Klima, auf einer Sorgenerde, zu der Lotosblume wie die Fische angeschwommen.

Und sie sahen wie Fische zur Lotosblume hinauf, zu ihr, die in einer höheren Welt lebte, zu ihr, die in der reinen Sonnenluft atmete, während sie selbst nur in den bläulichen Dämmerungen einer Wasserschicht ihr Dasein hatten.

Diese Theosophen, schien mir, sehnten sich aus der Kargheit eines phantasielosen Daseins nach der Phantasieblume des Lebens. Ihre Gedankenschicht, in der sie immer schwammen, schien mir der Wasserschicht ähnlich zu sein, auf der die Lotosblume schwimmt. Sie selbst aber schwammen immer um die Wurzel der Blume und sahen den Lotoskelch nur von unten.

Denn diese Männer, die ich da sah, waren nicht durch den Weltbrand hindurchgegangen und hatten sich nicht, um sich vom Leben zu kühlen, ans Wasser des Gedankenfriedens niedergesetzt wie die Indier. Sie haßten die Wirklichkeit, ehe sie sie erlebt hatten, weil sie zu schwach und zu kühl geboren waren und die Wirklichkeit nie ihr Reich gewesen war.

Sie lebten immer in ihren Gedankengewässern, in denen sie geboren waren, wie der Fischlaich. Und sie sprachen von dem Begierdereich wie Kinder, die vom Liebesleben der Erwachsenen in ihrem Kindheitsreich nur eine verzerrte Ahnung erhalten können.

Diese Menschen, unter denen ich Reis und Gemüse aß — weil mein Geld nicht für Fleischspeisen reichte, da ich mir nur abends ein wenig Wurst gönnen durfte — diese schlanken, durchsichtigen Menschen, die meistens in Schriften und Büchern lasen, während sie kauten, wären mir aber in meiner Armut beinahe doch als eine tröstliche Umgebung vorgekommen, da sie nach geistiger Erhebung und nach Gedankentiefe strebten, wenn nur nicht die graue Lebensschwäche aus ihren grauen Adern geklagt hätte.