„Es ist gar nicht zu vermeiden,“ antworteten jene darauf, „daß man fremde Ausdrücke anwenden muß. Die deutsche Sprache reicht nicht für alle Begriffserklärungen aus.“

„Gut,“ sagte ich, „dann werde ich der deutschen Sprache neue Worte geben. Denn es ist das Recht jedes wirklichen Dichters, seine Muttersprache zu bereichern, und es ist seine Pflicht, Fremdworte auszumerzen und an ihrer Stelle Worte mit heimatlichem Klang der Heimatsprache zu erschaffen.“

Man lachte und zuckte die Achseln und sagte, die Erfahrung würde es mir schon lehren, daß ich Unmögliches wolle. Und mein Vater, beeinflußt von den Reden jener studierten Verwandten, setzte mein Taschengeld monatlich so knapp an, daß ich ohne die Hilfe meiner Freunde hätte verhungern müssen. Denn er wollte mich durch die Entbehrungen, die ich mir auferlegen mußte, zwingen, von dem Vorhaben, Dichter zu werden, abzulassen, nach Hause zurückzukehren und mein Leben einem sicheren Geschäftsberuf zu widmen.

Auch dieses Gefühl, daß ich mich noch nicht durch das Schreiben erhalten konnte und nur von der Gnade meines Vaters leben mußte und nichts besaß, um auch mal fröhliche Feste feiern zu können, das hielt mich damals davon ab, mich jenem Dichterkreis in München zu nähern, und ich wartete bessere Zeiten ab, um dann Anknüpfung zu finden.

Die Entbehrungen zu ertragen, fiel mir leicht. Trotzdem ich in Würzburg in einem wohlhabenden Hause aufgewachsen war und es mir nie an irgend etwas gefehlt hatte, empfand ich die Einschränkungen jetzt im Verhältnis zur geistigen Freiheit, die ich genoß, als fast gar nicht vorhanden.

Es wäre mir komisch vorgekommen, wenn mich jemand als ärmer angesehen oder mich bedauert hätte und mir gesagt hätte, ich hätte zu Hause bei meinem vermögenden Vater reicher gelebt und besser, weil sorgloser.

Ich kam mir in jenen meinen ärmsten Tagen nie arm vor, und das Gefühl, ich besitze alles und alle besitzen mich, und das Gefühl, Mitteilhaber an allem Reichtum der Welt zu sein, war mir von jeher angeboren.

Ich konnte deshalb meinen Sorgen immer nur schwer glauben, bis sie dicht vor mir standen und nicht mehr abzuweisen waren; dann kamen sie mir erst wirklich vor. Unverständige Leute nennen dies Leichtsinn. Ich nenne es Sorgenblindheit. Und sie ist der angeborene sechste Sinn aller Künstler.

Denn wie könnten die Dichter Melodien und Lieder finden, die Maler sich an Farben, die Bildhauer sich an Formen freuen, die Musiker an Tönen, wenn sie sich nicht die Sorgenblindheit als sechsten Sinn geschaffen hätten, der ihnen Schutz bietet, wie Öl, das man in die Maschinen träufelt, damit sich die Räder nicht heiß laufen.

Und ohne die Öldrüse der Sorgenblindheit würde der eindrucksfähige Künstler tausendmal am Wege, lange vor seinem Ziele, sorgengebrochen zusammenstürzen.