Ich hatte also noch kein Buch aufzuweisen, um mich vor den bereits anerkannten jungen Dichtern als Geisteskamerad auszuweisen.
Meine Familienangehörigen hatten mir außerdem, wenn ich davon gesprochen, Schriftsteller zu werden, oft vorgehalten, daß ich nicht die nötigen Vorkenntnisse zu diesem Beruf besäße, und daß der künstlerische Drang zwar gut und schön sei, aber daß er kein überzeugender Beweis dafür wäre, daß ich im Schriftstellerberuf vorwärts kommen könne.
Auch war ich in einer Universitätsstadt aufgewachsen, in welcher der junge Studierende alle Hochachtung genoß und dagegen der künstlerisch Begabte herzlich wenig beachtet wurde. Wenn man noch keine großen Werke aufweisen konnte, erschien man dort als anfangender Dichter mehr als lächerlich und wurde ohne Universitätsbildung nicht ernst genommen.
„Glauben denn diese Leute,“ so mußte ich manchmal zu meinen Freunden sagen, „Homer habe Ägyptisch oder Persisch oder Hebräisch studiert? Hat man je von einem Dichter der alten Zeit verlangt, daß er ein Examen machen mußte in fremden Sprachen und in Wissenschaften? Genügte es nicht, daß er die Begeisterung und das angeborene Können eines Dichters besaß?
Haben die indischen und arabischen Dichter und die alten deutschen Barden Universitätskenntnisse besessen? — Dichterfeuer, dichterische Vorstellungskräfte und tiefstes Gefühl für den Weltrhythmus, nur angeborene Kräfte besaßen jene alten Dichter alter Völker. Die Professoren konnten ihnen nichts lehren. Nur das große Leben war immer ihr Lehrer gewesen, und ebenso war ihnen Lehrer der Lebensernst und die Lebensfreude.“
Und meine Freunde gaben mir stets recht. Aber was half mir das, wenn die Bürgerkreise, in denen sich mein tägliches Leben abspielte, unaufgeklärt und befangen waren in dem, was sie Bildung nannten.
Diese Kreise glaubten, da sie selbst die Bücher und die Professoren zur Bildung nötig hatten, der Dichter müsse den bürgerlichen Weg erst gehen und sollte nachher seinen eigenen künstlerischen fortsetzen. Mit dem Satz: „Heutzutage ist es einmal so“, lehnten die meisten Leute jener Zeit jedes höhere Verständnis für die freie angeborene Schöpferkraft des Dichters ab, die doch über jede Universitätsbildung erhaben ist.
Einige studierte Verwandte von mir, Vettern mit Staatsanstellung, warfen mir sogar den Ausruf hin: „Wie willst du denn Bücher schreiben können, wenn du lateinische und griechische Fremdwörter, die in der deutschen Sprache eingeführt sind, nicht ableiten kannst? Du wirst dich mit falschen Ausdrücken nur lächerlich machen!“
Ich sagte ihnen zwar: „Für die, denen ein Fremdwort mehr wert ist als ein deutsches Wort, das ich an Stelle der Fremdwörter möglichst immer setzen werde, für die, die glauben, daß die deutsche Sprache nur schön ist, wenn sie sich mit lateinischen und griechischen Ausdrücken schmückt — als ob man eine Menschenhand geschmückt mit falschen Brillanten hinreicht —, für die, die fremdklingende Worte den deutschen, einfachen deutlichen Worten vorziehen — für diese Leute will ich gar nicht schreiben.“