Ich kann kaum ausdrücken, mit welcher heiligen Scheu und mit welcher höchsten Seelenspannung ich mich auf den Weg zu jener Vorlesung machte, und wie geweiht ich mir vorkam, die Gesichter neuzeitlicher Schriftsteller sehen zu dürfen, ich, der bis dahin nur in Würzburg in engster Familie, fern von allem öffentlichen Leben, aufgewachsen war.
Mir war, als sollte ich einen neuen Olymp kennen lernen. Ich hatte bis jetzt nur Bücher aus jener neuen geistigen Welt zu Freunden gehabt, nur Geschöpfe, aber keine Schöpfer. Außer mit meinen beiden studierenden Freunden hatte ich bisher mit niemandem einen Gedankenaustausch erlebt, abgesehen natürlich von den Gesprächen meines Vaters, dessen Geist mir bis dahin die Unterhaltung von hundert Leuten hatte ersetzen können.
Als ich in jenen Vortragssaal eintrat, ließ ich mich scheu und beklommen auf der letzten Sitzreihe nieder, reich beglückt, dort sein zu dürfen, wo Frische und neue Geisteslust die Luft, wie mir vorkam, leichter und zum Atmen selbstverständlicher machte.
Der Saal war ungefähr zu dreiviertel von Zuhörern gefüllt. Max Halbe las sein Drama „Jugend“ aus der Handschrift vor. Dasselbe war noch nicht aufgeführt. Nach ihm lasen Johannes Schlaf, Ludwig Scharf und noch andere, deren Namen ich mich heute nicht mehr entsinne.
Ich hatte von dem, was vorgetragen wurde, da die Schallkraft des Saales schlecht war, auf meiner letzten Sitzreihe, wo ich einsam saß, zwar nur halbe Sätze und halben Sinn aufgefaßt, aber ich war doch ehrfürchtig gestimmt worden, als hätte ich Stimmen aus einer anderen Welt sprechen hören. Und deshalb blieb mir jener Abend für immer unauslöschlich in der Erinnerung.
Doch eigentümlicherweise kam in mir nicht die Kraft auf, an einen jener Dichterkameraden heranzutreten, mich vorzustellen und die Hand zum Gruß zu reichen. Wohl war der Wunsch da, mich unter jene Männer zu mischen und mich mit und bei ihnen frei und fern der Bürgerwelt zu bewegen.
Aber, wie ich schon vorher sagte, war es in jenen Tagen allgemein, daß jeder Dichter in jenen Jahren entweder den Doktortitel führte und auf eine Universitätsbildung zurücksehen konnte oder daß er doch das Abiturientenexamen gemacht hatte. Ich aber, da ich Maler hatte werden wollen, hatte nur eine Realschule besucht und nur mit Mühe und Not das Zeugnis zum Einjährigfreiwilligendienst erlangt.
Dem geistigen Wissen meiner besten Freunde, dem Denker und dem Schweigenden, die Studierende der Universität waren, konnte ich meine künstlerischen Veranlagungen entgegenstellen, und es konnte dadurch gleiche Wertstellung im Verkehr herrschen.
Den Dichtern aber, denen ich in jener Vorlesung zum erstenmal begegnet war, hätte ich nur künstlerische Anfänge bieten können. Es waren von mir bisher nur in der „Gesellschaft“ und in der „Wiener modernen Rundschau“, den beiden damals einzigen Blättern des neuzeitlichen Schrifttums, ein paar Novellen erschienen. Mein erster Roman „Josa Gerth“ lag nur in der Handschrift fertig und sollte erst zum Herbst 1892 erscheinen.