Ich will und kann hier nicht alles aufzählen, was in jenen Jahren bei der Neuheit des Maschinenlebens, bei der Neuheit des naturwissenschaftlichen Denkens, bei der Neuheit des raschen Reisens und des plötzlich sich schnell Verständigenkönnens durch Telegraph und Telephon mit nie dagewesener Macht die Menschen von alten Vorurteilen entkettete, das abgezirkelte Gesellschaftsleben entkräftete und Bewegung und Denkfreiheit in Kunst und Leben herstellte. Diesem neuen Zeitgeist, den zuerst die Künstler erfaßt hatten, arbeitete aber der altmodische Bürgergeschmack entgegen.
Die Bürgerkreise sehnten sich, kaum ein wenig aufgerüttelt vom neuen Zeitgeist, scheinbar nach den Dunkelheiten des Mittelalters, so wie einer, den durch eine aufgerissene Tür die Sonne blendet, die Hand zum Schutz über die Augen legt oder sich nach dem Zimmerdunkel umsieht und sich erst allmählich an die plötzliche krasse Helle gewöhnen will.
Es blühte und wuchs bei den Bürgern in jenen Tagen in Deutschland allgemein die kindische Lust nach sogenannten altdeutschen Stuben mit Butzenscheiben, diese Lust, die man später höhnend Butzenscheibenromantik nannte. Bei jeder Gelegenheit wurden in den Städten altdeutsche Festzüge veranstaltet, wo die Leute, die im Zeitalter der Zeitungen, Eisenbahnen und der Sozialdemokratie aufgewachsen waren, plötzlich als Faustritter, Zunftmeister, Ritterfräulein und Ehrenjungfrauen sich gebärdeten. Als sei die Gegenwart nicht Maskenspiel genug, wollte man auch noch am hellen Tage die Gegenwart mit der Vergangenheit maskieren.
Jedes neue Haus mußte damals wenigstens einen altdeutschen Turm bekommen oder ganz unnötige Zinnen, und die Mode des Altdeutschen tobte sich auch bei allen Gebrauchsgegenständen in der lebhaftesten Weise aus. Es ist übrigens heute noch nicht viel anders. Nur ist die Maskerade der Butzenscheiben von der Maskerade der Biedermeierei verdrängt worden.
Die Bühnen- und Romanschriftsteller hatten sich noch zu Anfang der achtziger Jahre so romantisch altdeutsch benommen, daß schon deshalb Gerhart Hauptmann für jeden ernster empfindenden Deutschen nicht bloß als Geist einer neuen Zeit, sondern auch als Erlöser vom altdeutschen Massenwahnsinn begrüßt werden mußte. —
So lagen die Dinge der geistigen Welt, als ich im Frühjahr 1892 nach München kam, wo die großen Brauereien eben ihre prunkenden Bierpaläste zu bauen begannen. Da las ich im gleichen Frühjahr in den Zeitungen, daß sich vom Glaspalast, dem großen Ausstellungspalast der Maler, eine Malergruppe trennen wolle, die nichts mehr zu tun haben wollte mit akademischen Grundsätzen. Dieser Gruppe Mitglieder strebten die Freilichtmalerei und die Freiheit für jede Eigenart fern aller Schablone an. Auf Wunsch des Prinzregenten hatte man sich aber noch einmal geeinigt und wollte sich noch nicht vom Glaspalast trennen, sondern die neue Malergruppe, die sich Sezession nannte, sollte im Glaspalast einige Säle für sich erhalten.
Wenn ein Bienenvolk schwärmen will, beginnt es im Bienenkorb laut zu summen, also summte es damals wütend in allen Bierlokalen der Stadt München. Man ereiferte sich für und wider den Streit, der unter den Malern im Glaspalast ausgebrochen war. So wie man vorher für und gegen Wagner gewesen, so stritt man jetzt für und gegen die Sezessionisten.
Das Kaffeehaus Luitpold war eben erst eröffnet worden und galt als das prächtigste Großstadtkaffeehaus Deutschlands. Das Leben in prunkhaften Kaffeehäusern hatte damit für München seinen Anfang genommen, und die Bürger wollten wichtiger genommen sein, seit sie ihren Kaffee mit ihren Frauen auf rotem Samtsofa bei vergoldeten Säulen und in Oberlichträumen einnehmen durften. Überhaupt, das Bürgerleben wurde täglich feister, und das Sprichwort „nur Lumpen sind bescheiden“ wurde in Bürgerkreisen zum Erziehungswort.
Bahnbrechend im Geistesleben in München war aber damals nicht bloß die Sezession, sondern ebenso ein Häufchen Schriftsteller, die wie weltferne Kameraden dem, in altdeutscher Maskerade protzenden Bürgertum die maskenlose, ehrliche und erschütternde Wirklichkeit in Romanen und Dramen darbieten wollten.
Ich erinnere mich besonders gut an einen literarischen Abend auf der Isarinsel in dem Gasthaus „Isarlust“, das, wenn ich nicht irre, ein paar Jahre vorher zur Zeit der ersten Elektrizitätsausstellung gebaut worden war. Dort in einem Saal war von jener Schriftstellergruppe ein Vorleseabend veranstaltet worden, der mich zum erstenmal in die Nähe von wirklichen Dichtergeistern brachte.