Aber dieselbe Sehnsucht, sich von einer alten überlebten Welt zu trennen, die damals die Dichter erfaßt hatte, die hatte alle Künstler erfaßt.
Die Musiker, unter Wagners Führung, sagten sich von der alten Lehre des Kontrapunktes frei. Und die deutschen Maler packte die Sehnsucht, die Heimat in Licht und Farben wiederzugeben. Und die Dunkelmalerei der alten Schule und das Sichbrüsten mit dem Malen von sogenannten Charakterköpfen und Ideallandschaften wurde ebenfalls mehr und mehr beiseite gelassen, und die Freilichtmalerei feierte ihre ersten stürmischen Feste.
Man malte mit Weiß in Weiß, wo man vorher nur Braun in Braun gegeben hatte, und man malte Bunt in Bunt, lustig befreit von den schematischen Farbenlehren akademischer Abtönungen.
Und man malte das Häßlichste und das Eintönigste, sowie man auf der Bühne den Armeleutestand und auch das Häßliche zu Wort kommen ließ und sich bemühte, Pathos und Pose möglichst von den Brettern zu verbannen.
Die Schauspieler fingen an das Versesprechen zu verachten, weil der geistige Zuschauer den Versstücken nicht mehr zuhören wollte und übersättigt von Pathos und Pose war und einen Wirklichkeitshunger abends ins Theater brachte, der entstanden war aus dem neuen wachsenden Großstadtlärm und aus dem Bedürfnis nach Kraftbetätigung und Wirklichkeitslust.
Die ganze Kunstwelt war in jenen Jahren vielleicht mit einem Maskenball zu vergleichen, bei welchem plötzlich das Zeichen zur Maskenabnahme gegeben wird. Und wo vorher sich nur Larven angesehen hatten, sah man plötzlich wirkliche lebende Gesichter wieder, lebende Gesichter in den Büchern, auf den Bildern und auf der Bühne.
Die Künstler begrüßten fröhlich diese Umwandlung, die Rückkehr zum Leben ohne Larve, während die breite Bürgermasse sich nicht recht an die entlarvten Gesichter gewöhnen wollte und nur seufzend, rückwärtsschauend, schwerfällig und gezwungen dem neuen Zug der Zeit Folge leistete.
Viele äußere Umstände trafen da noch zusammen, die den Wirklichkeitssinn bei den Künstlern wachriefen und die auch die Bürger mitrissen. Das neue ungewohnte schnelle Reisen und Orte wechseln können, durch das damals ausgebaute Eisenbahnnetz über ganz Europa, machte die Menschen wirklichkeitsfroh, und ebenso die Erfindung und Anwendung des reinlichen und verblüffend hellen elektrischen Lichtes; dessen alle Winkel ausleuchtende Klarheit ließ nachts keine Gespensterfurcht und keine überflüssig wuchernde Romantik mehr aufkommen.
In der Wissenschaft legte die Bakterienlehre die Ohnmacht und Macht des Menschen klar, dem winzigsten und dem Auge unsichtbaren Lebewesen gegenüber. Und weiter kamen dazu die aufsehenerregenden ersten Versuche der Hypnose, die in allen Gesellschaftskreisen mit Eifer besprochen und begutachtet wurden. Die bei diesen Versuchen sich befestigende Überzeugung, daß der Mensch keine ihn durch Gut und Böse leitende Seele habe, sondern daß durch den Willen eines stärkeren Menschen der Wille des Schwächeren so ausgeschaltet werden kann, daß dem besten Menschen in der Hypnose Böses zu tun befohlen werden kann, dieses alles half mit am Aufbau einer neuen Weltauffassung.
Auch ein amerikanisches Buch muß ich noch erwähnen, das in jenen Jahren in hunderttausend Exemplaren von Hand zu Hand ging. Das war Bellamys „Rückblick aus dem Jahr 2000“. Es war ein Buch, das erstaunlich den Wünschen und Sehnsüchten der Zeit entgegenkam, indem es scheinbar alle Wünsche des letzten Standes mit den Wünschen der höheren Stände so verschmolz, daß ein Idealstaat dem Leser des Buches gar nicht so unmöglich erschien und es manche Ungeduldige für möglich hielten, im neuen Jahrhundert diesen Staat noch zu erleben.