Ich hatte noch nicht viel von Okkultismus gehört und nicht viel von Astrologie, nichts vom englischen mystischen Maler Blake und seinen Geisterdichtungen, ebensowenig kannte ich Swedenborgs übersinnliche Philosophie. Ich wußte nichts von Geheimbünden. Ich wußte nur, daß diese Art Gelehrsamkeit in Deutschland mittelalterliches Treiben genannt wurde, und daß sie mir auch immer aus der Ferne als solches erschienen war. Ich glaubte nie an Wahrsagungen, nie an Aufstellung von Horoskopen, noch an ägyptische, arabische oder indische Sterndeuterei. Das amerikanische Ehepaar aber nannte sich Adepten eines mystischen Geheimbundes, über den sie nicht reden durften.

James wollte Bildhauer werden, Theodosia Malerin, und deshalb waren sie von Amerika nach Europa gekommen. Und als ich sie fragte, wozu sie denn die mystische Lehre für ihre Kunst nötig hätten, so sagten sie mir ganz richtig, jede Kunst brauche einen seelischen Inhalt, eine geistige Bildungslinie. Und als ich sie fragte, ob ihr Geheimbund die Freimaurerei sei, da lachten sie und meinten, daß die Freimaurer weit entfernt seien von dem Kreis, dem sie angehörten.

Das Zimmer, das sie bewohnten, war geräumig und bildete für sie beide: Schlafzimmer, Wohnzimmer, Eßzimmer und Atelier. Bisher hatte ich noch nie ein junges Ehepaar der gebildeten Stände kennen gelernt, das, auf einen so bescheidenen Raum angewiesen, so glücklich lebte wie diese Amerikaner. Und wenn ich heute an jenes londoner Zimmer zurückdenke und an das Kaminfeuer, an den londoner Nebel vor den Fenstervierecken und an das ewige Teewasser, das auf den Kohlen des Kaminrostes den ganzen Tag gekocht wurde, dann entzückt mich immer noch der bescheidene Geist jener strebenden und sich gegenseitig anspornenden amerikanischen jungen Eheleute.

An den Wänden ihres Zimmers waren mit Heftnägeln unzählige Photographien an die Tapete gesteckt. Botticelli, dessen Ruhm damals alle Amerikaner mit besonderer Vorliebe in Mode gebracht hatten, war mit seinem Bild „Primavera“ vertreten. Leonardi da Vincis „Mona Lisa“, einige Photos von Holzschnitten Albrecht Dürers und verschiedene Bilder von Michel Angelos Arbeiten waren hier zum Studium und zur künstlerischen Augenlust ganz willkürlich an der Wand um den Kamin verteilt.

Zuerst wollte ich nicht recht zuhören, wenn die Amerikaner mir die Mystik der Darstellungen Michel Angelo’s, die Mystik Leonardo da Vincis und Albrecht Dürers erklärten und immer von Mystik und Symbolik bei allen alten Meistern sprechen wollten. Aber zwei Menschen gefunden zu haben, die eine neue Weltanschauung in der Mystik suchten, die ein neues Heil in ägyptischer, arabischer und indischer Astrologie zu finden glaubten, die überhaupt nach einem Sinn des Lebens fahndeten, das fesselte mich an diese amerikanischen Künstler.

Und ich machte mich geduldig, um ihnen zuzuhören bei ihren ganz unglaublichen mystischen Ergründungen, die sie immer wieder von neuem aus ihrem Geheimbund mit nach Hause brachten.

Ich hätte gern etwas Näheres über diese geheimen Versammlungen erfahren. Sie aber sagten, ich wäre noch viel zu ungläubig und zweifelnd und müßte, blind ergeben, ohne Mißtrauen, mich zuerst in Astrologie und okkultistische Lehren vertiefen, und wenn ich dann von dem heiligen Drang erfüllt wäre, ein Adept werden zu wollen, so würde ich ganz von selbst den Weg zu diesem Geheimbund finden.

Manchmal in den ersten Tagen fragte ich mich, ob ihr ganzes Gebaren nicht vielleicht ein Künstlerscherz sei. Vielleicht würden sie später über mich belustigt lachen. Denn es schien mir ungeheuerlich, daß zwei aus dem Wirklichkeitsland Amerika, zwei aus dem Arbeitsland kommende Neuzeitmenschen, in die Dunkelheiten der Astrologie, der Alchemie, der Scholastik und Mystik zurückkehren wollten. Es war mir, als ob freie Menschen um Ketten und Kerker bettelten.

Der Amerikaner Weisheit hatte aber nichts mit dem Wissen der Theosophen gemein. Sie verneinten es lebhaft, als ich sie fragte, ob ihr Bund etwas mit Theosophie zu tun hätte.