Sie malten und bildhauerten in London nicht, sondern sagten, das würden sie wieder aufnehmen, wenn sie nach Paris zurückgekehrt wären. Sie waren nur jetzt nach London gekommen, um sich in die Geheimwissenschaften zu vertiefen und sich in jenem Geheimbund unterrichten und belehren zu lassen.

Sie waren aber niemals düster gestimmt, immer fröhlich und glücklich. Nur hatte für mich ihre Fröhlichkeit etwas Körperloses. Sie konnten sich nur immer bei übersinnlichen Gedanken aufhalten, ähnlich wie es jene Theosophen getan, denen ich in München begegnet war.

Sie lachten mich aus, als ich sie fragte, ob die Lehre, der sie nachgingen, der Spiritismus sei. Ich wußte damals noch zu wenig von Okkultismus und erst später erfuhr ich, daß jene beiden einer okkultistischen Gesellschaft angehörten.

Dadurch, daß die Unterhaltungen mit jenen beiden Okkultisten immer halb Englisch, halb Französisch geführt wurde, fühlte ich mich sehr aus meinem Gleichgewicht gehoben und aus meinem Deutschtum fortgerückt, und die Einsamkeit meiner Gedanken war dadurch in dem unendlichen London unendlich viel größer, als sie im Pfarrhaus im Bohuslän gewesen, wo ich mit der Natur erquickenden Gedankenaustausch gepflegt hatte. Denn die Gespräche über Mystik bereiteten mir zuerst nur Qual. Es war mir, wenn ich der Geistesrichtung jener Okkultisten folgte, als ginge ich in den Spuren der schwarzen Sonne, die ich am Isefjord in Dänemark in das schwarze Moor hineingedichtet hatte.

Das große düstere London selbst erschien mir wie eine schwarze mächtige Sonne. Als ich in jener Nacht, vom schwedischen Schiff kommend, die finsteren Docks betrat und sofort in den Bauch der Erde steigen mußte und in rauchigen Tunnels, beinahe zwanzig Stationen weit, unterirdisch reisen mußte, um zum Upper Wooburn Place zu gelangen, da glaubte ich durch die Eingeweide der Erde zu jagen.

Noch am Mittag desselben Tages war ich auf der Silberbank des Meeres unter silbriger Sonne gewesen, war durch silbrige Luft in die Themse eingefahren, an dem grünen Ufer von Greenwich und Richmond vorüber, und jetzt schien es nirgends mehr Meerfreiheit und ländliches Grün zu geben. Seitdem ich da in der Unterwelt fuhr, war mir, als führe ich in die Erdfinsternis, von aller Natur und Natürlichkeit fort, als tauschte ich klare Gedanken gegen dunkle Hirngespinste ein.

Seltsamerweise wirkte aber London, als ich es dann bei Tage sah, gar nicht so himmelgetürmt und nicht so geschäftshastig und großstadtgierig wie Berlin in jenen Zeiten auf mich gewirkt hatte. Die vielen Straßenzüge in London, in denen sich kleine Familieneinzelhäuser überaus schmucklos und einfach, ohne Schaufenster und, nur zweistöckig, aneinanderreihten, wirkten in ihrer Schlichtheit und Unauffälligkeit und in ihrer gediegenen Nützlichkeit, wenn auch eintönig, so doch menschenwürdig.

Die londoner Geschäftsstraßen waren sachliche Arbeitsstraßen, in denen einem das Geldverdienen als eine Naturnotwendigkeit erschien, wobei die Arbeit nicht fieberhaft war, sondern gründlich, stark und einfach verrichtet wurde.

Durch eine im englischen Volk eingewurzelte und durch Geschlechter eingeführte klare Lebensordnung, der sich die ganze Stadt wie eine gut arbeitende, nirgends von Willkür gestörte Maschine hingibt, wirkte diese Millionenstadt mit den kleinen Familienhäusern fast friedlich und traulich wie ein Riesendorf.

Der Segen des Sichunterordnenkönnens der einzelnen unter Vätersitte und unter unumstößliche gesellschaftliche Sitte wirkte bei einer Millionenbevölkerung ungemein wohltuend. Und die tadellose Ordnung im englischen Tagesleben umgab wie ein Schutz, wie die Weihe heiliger Naturgesetze, den Fremdangekommenen. Auch der willkürlichste Mensch wird vom englischen starken Ordnungsleben, das das riesige London, wie einen sicher geleiteten Gutshof, tadellos arbeitend zusammenhält, zur Selbstzucht angespornt. Denn ohne Selbstzucht und Unterordnung des einzelnen unter das Massengefüge konnte hier wie überall im Weltall keiner vorwärtskommen.