Der Engländer, der unausgesetzt Achtung oder Verachtung austeilt, züchtet sich auch die Fremden, die zu ihm kommen, so wie er gewöhnt ist, den Ländern, die er erobert hat, und ihren Eingeborenen englische Ordnung und englischen Lebenssinn beizubringen.
England hat es, wie man weiß, mit dieser Ordnungsstrenge erreicht, daß rund um die Erde seine Sprache die Reise- und Weltsprache wurde. Dieses von altersher feststehende, eingeschulte englische Wesen, das stolz auf sich selbst beruht und sich alles Fremde kraftvoll unterordnet, fühlte ich als wohltuende Macht vom ersten Schritte an, als ich englischen Boden betreten hatte.
Als ich an jenem Ankunftsabend, der Untergrundbahn entstiegen, zum Pensionshause am Upper Wooburn Platz kam — das sich in nichts unterschied von den tausend stillgeordneten Nebenhäusern, und das dadurch häuslich und vornehm in sich zurückgezogen wirkte —, fühlte ich mich schon in jener Straße durch die schweigende Ordnung wohl aufgehoben.
Da war noch ein altmodischer Türklopfer außen an der Haustüre, ein Klöppel, der auf eine Bronzeplatte fiel. Ein schlank gewachsenes Dienstmädchen in schwarzem Kleid mit weißen Manschetten, weißem Kragen und weißem Häubchen öffnete und geleitete mich durch die Vorhalle, die aber keinen kahlen Gang und kein kahles Treppenhaus aufwies. Selbst diese nebensächlichen Hausräume waren traulich mit Hausgeräten und Bilderschmuck ausgestattet, und mir war, als sei ich in ein altes Herrschaftshaus und in einen Kreis alter Familienüberlieferungen eingetreten.
Auch der überall sparsam verwendete Raum im Hause, wo eingebaute Schränke, Tapetentüren und eingeschachtelte Kammern den Hausraum ausnützten — ich möchte sagen das Hausleben verinnerlichten und einem den Wert von jedem Zoll des londoner Bodens deutlich in Erinnerung brachten —, dieses Raumsparen erhöhte den Reiz des Wohnens. Man befand sich in einem solchen Hause wie in einer Schatulle, welche Geheimfächer barg, und an der das sorgsam Durchdachte dem Eintretenden Vertrauen einflößte und ihm Bestätigung vom Wert des Lebens gab. Sich beschränken müssen und sich klug und gewandt beschränken können, sich für das Leben züchten müssen, das redete hier jeden, der das Leben ernst nehmen wollte, wohltuend auf Schritt und Tritt an, innerhalb und außerhalb der Häuser Londons.
Daß das englische Volk auf einer engen Insel lebt und in seinem Vaterland jeden fußbreit Erde liebt, daß es sozusagen im Meer verlassen lebt, auf sich allein angewiesen, umgeben von den ungeheuren Meereshorizonten, die dieses Volk weltblickend werden lassen und es zugleich heiß heimatliebend machen, dieses wurde einem in London täglich bewußt gemacht. Und daß dieses Meervolk, vom Festland getrennt, im Gegensatz zu den Festlandvölkern sich eigenwilliger und im besten Sinne eigensinniger entwickeln mußte, das wurde mir täglich beim Wandern und Beobachten englischer Eigenart und englischer Gediegenheit von den londoner Straßen erklärt.
So erstaunte es mich auch bald nicht, daß hier im Mittelpunkt der fünf Weltteile, hier wo man täglich großzügige Fühlung mit Ägypten, Indien und mit dem fernsten buddhistischen Asien hat, eigenartige Gedankenmischungen entstehen können. Gedankenmischungen, die, ebensogut wie die neuzeitliche Wissenschaft, eine Fortsetzung in der Entwicklung des Menschheitsgeistes hervorbringen können. Da die Engländer im fernen Osten mit fremdem Volksgeist in steter Berührung leben, können asiatische alte Weisheiten echter und unverfälschter durch den gradlinigen Meerverkehr der Engländer nach London kommen, als dieses in Deutschland oder in den anderen Festländern der Fall ist, die nicht so sehr im Mittelpunkt des Weltverkehrs stehen.
Bei uns in Deutschland riß die Wissenschaft im letzten Jahrhundert in den Herzen und den Hirnen der Gebildeten alte Weltanschauungen ein, aber sie baute keine neuen Ideale auf. In England aber, wo Vätersitte unerschütterlicher feststeht als bei uns, reißt man nicht so leicht ein, sondern baut — eingeschachtelten Räumen in den Häusern ähnlich — buddhistische, mohammedanische und altägyptische Ideenwelten in die christliche Weltanschauung hinein. Und, in dem man nicht bloß Rohprodukte aus den asiatischen Kolonien in London einführt, sondern auch die Geistesprodukte der unterworfenen asiatischen Nationen, versucht man in England, Gedankenreiche aus der Vereinigung fremder Weltanschauungen, zusammengeschmiedet mit der heimatlichen Gedankenwelt, zu gründen.
Die Inder, die Ägypter, Asiaten und Afrikaner, denen der Londoner täglich in seinen Straßen und in den Gesellschaften, als zum englischen Reich Zugehörigen, begegnet, konnte er auf die Dauer auch geistig nicht unbeachtet lassen und mußte über ihr ihm fremdes Geistesleben nachdenken.