So versteht sich meistens der Engländer heutzutage besser als irgend ein Europäer auf japanische und chinesische Kunstwerke, und die englische Literatur ist reich an asiatischen Übersetzungen und an ernsten Werken schlichter getreuer Kunst- und Sittenschilderungen asiatischer Völker. Während die deutschen Reisewerke vielfach von deutschem Gelehrtenwissen beleuchtet niedergeschrieben werden, sind die vielen Werke der englischen Privatreisenden — deren es natürlich bei dem ungeheuren Weltverkehr englischer Schiffe Legionen gibt — allmenschlicher, freundlicher und traulicher gehalten. Der Inhalt dieser Werke ist mehr von allmenschlicher Bewunderung erfüllt als von geistiger Überhebung.

Während in England durch den ungeheueren Welt- und Völkerverkehr sich neue Anschauungen den alten Anschauungen beimischen und Möglichkeiten einer gedanklichen Umgestaltung zulassen, stocken in Deutschland seit der Wirklichkeitserkenntnis der neunziger Jahre die Entwicklungen zu neuen geistigen Idealen hin fast vollständig. Man spürt von der großen deutschen Flotte her noch keinen Völkerweltverkehr und Weltgedankenaustausch im deutschen Lande selbst.

Ich will aber nicht sagen, daß in England in den breiten Volksmassen große gedankliche Umwälzungen erreicht worden sind. Doch praktische Umwälzungen sind erreicht worden, wie zum Beispiel die von England kommende Einrichtung der segenstiftenden Heilsarmee oder die von England und Amerika kommende Lehre von der „Christlichen Wissenschaft“, der „christian science“, die durch bewußte geistige Erhöhung die Gesundheit des Körpers anstrebt.

In Deutschland selbst ist nichts der Art aus der Nation entstanden. Man lebt bei uns noch von einem wissenschaftlichen Wirklichkeitssinn befangen.

Aber ein Siebzigmillionenvolk sollte sich doch zu neuen geistigen Höhen, zu neuen Idealen hin aufraffen. Immer noch befangen vom Geist der achtziger und der neunziger Jahre, in denen die Künstler und Gelehrten den Weg zur Wirklichkeit wiesen und zum Niederreißen falscher Ideale, verrannte sich jetzt die deutsche Welt in Wirklichkeitslust.

Die Zeit Goethes, die sich an den griechischen Göttern Erhebung holte, die Zeit Walters von der Vogelweide, in der das Christentum noch ein jung blühendes Ideal war, soll natürlich nicht wiederkommen. Aber die Wirklichkeitslust, die heute herrscht, die ohne Geisteslust ist, sie artet auf die Dauer in ein niederes Vergnügen aus, bei dem die nach neuem Geist sehnsüchtigen Menschen nicht ewig mittun können. Und die Lust nach einer neuen Geisteserhebung schwebt überall in der Luft, so wie am Ende des Winters die Sehnsucht nach dem Frühling da ist.

Dieses Streben nach einer neuen Weltanschauung, das ich bei dem jungen amerikanischen Ehepaar schon vor zwanzig Jahren in London miterlebte, bestätigte es mir schon damals, daß die naturalistische Kunst, die in der Literatur in Deutschland in Gerhart Hauptmann ihren ersten größten Vertreter fand, nicht die allein seligmachende Entwicklung in der Dichtung bleiben würde.

Eine Vereinigung von starker Wirklichkeit und höchster Geistigkeit, eine festliche Weltauffassung vom festlichen Weltalleben und aus einer sich demütig und doch allmächtig fühlenden Menschheit heraus wird eine neue Festwelt für die jungen Dichter entstehen.


Weil im Weltalleben nichts zu klein und nichts zu dunkel ist, als daß es nicht Aufnahme in den Verstand und in das Gefühl einer neuen Menschheit finden müßte, so öffnete ich damals, nachdem ich den ersten Widerwillen überwunden hatte, willig Herz und Ohr auch der mittelalterlichen Welt, der ägyptischen Magie, der assyrischen Sternkunde, der indischen Adeptenlehre, der mittelalterlichen Alchemie und hörte tage- und wochenlang den Auseinandersetzungen des jungen und geistig entzückten amerikanischen Ehepaares zu.