Einige hundert Schritte von jener Quelle stand auf der steinigen Höhe eine einsame prächtige Tempelruine. Sie wurde der Tempel von Bassä genannt. In der Nähe des Tempels ragte hier und da ein uralter Eichenstumpf auf. Es waren das nur hohe Stammstummeln ohne Äste, und sie bildeten wahrscheinlich in alter Zeit, als jener Tempel noch jung war, den Eichenhain um das Heiligtum.

Hier mag auch am Steinboden einst Rasen und Erde gewesen sein, aber die Stürme der Jahrhunderte hatten die Felsenplatten von Erde reingewaschen, und der Berg schien wie mit nackten Knochen bedeckt. Und wie ein zerbrochenes Knochengerüst stand die Tempelruine, von der Sonne silbrig gebleicht und dachlos, auf der Gebirgshöhe.

Die Säulenreihen zeigten noch starke klare Form und waren noch jung und stolz in ihren Linien. Hinter den Säulen aber, im Tempel, lag ein wüstes Durcheinander von kantigen und brüchigen Blöcken, die einst der Giebel und die Dachplatten gewesen sind.

Von der Tempelschwelle aus hatten wir eine mächtige Fernsicht gegen Süden bis zu den letzten Ausläufern des Peloponnes und bis zum Mittelmeer hin. Da drunten in mächtigen Tälern, wo üppige Pappelgruppen, Platanenwälder und Wiesenflächen mit blaudunklem Grün und goldgelbem Grün wechselten, ging im Morgenlicht ein ferner Regen, mit herrlicher lila Bestrahlung der Bergwellen, über dem weiten Peloponnes nieder. Und wir freuten uns auf den Abstieg zu den laubreichen Tälern.

Über einem fernen Stein tauchten die Gesichter der beiden Hirten nochmals auf, und der eine blies auf seiner Panflöte. Die Morgenluft brachte uns, als wir fortzogen, kleine Stücke einer lieblichen weltvergessenen Melodie noch lange über die Höhe nach.


Von nun an änderte sich nach einigen Meilen beim Hinunterklettern der Weg. Wir verließen die Kahlheit und kamen in erdreicheres, belaubteres Gebiet. Manchmal erschien an den Abhängen, hinter üppigen, gelbblühenden Ginsterbüschen, der neugierige Kopf eines langbärtigen Ziegenbockes, der zum jungen Birkengrün über die Büsche hinaufschnupperte. Es war, als sähe uns ein behaarter Faun mit spitzen Ohren und schlauem Auge, halb von den Büschen verdeckt, an. Dann verschwand das neugierige zottige Bocksgesicht wieder hinter gelben Ginsterblüten.

Zugleich trafen wir hier und da einen Hirten auf seinen Stab gestützt am Wege oder eine Hütte. Und beide, Haus und Mensch, standen totenstill. Nur ihr fortrückender Schatten lag neben ihnen am Wege in der Sonne als einzige Bewegung ihres Lebens.

Der Tempel von Bassä ist die bedeutendste Ruine, die zwischen Olympia und Kalamata den Landschaftsweg schmückt. Auch die alten Stadtmauern von Messaene besuchten wir von Kalamata aus, aber sie geben nicht denselben entzückenden Eindruck wie der in der Verschollenheit einer kahlen silbrigen Gebirgshöhe unerwartet dastehende silbrige Tempel von Bassä.

Wir kamen am gleichen Abend zu einer Hirtenhütte, die auf dem Trümmerfeld einer verlassenen Stadt bei ein paar kümmerlichen Ölbäumen stand. Hier sollten wir übernachten. Hier war es, wo man uns das dürftige Huhn briet, das nach zwei anstrengenden Reisetagen der erste warme Bissen war, den wir zu uns nahmen.