Das alte verwitterte Bergstädtchen lag rosig verklärt auf seiner wagehalsigen Höhe. Es sah aus, als bewohnten es nicht geplagte alltägliche Menschen, sondern Menschen, die fliegen könnten, wenn sie die goldglänzenden Scheiben ihrer Hütten über den Bergabhängen öffneten. Wie eilfertige Schwalben, festlich und fröhlich, schienen diese Menschen auf dieser Berghöhe zu sein, so wie es die Vögel immer im Vergleich zu erdgebundenen vierfüßigen Tieren sind.

Ferne Bergspitzen gen Süden hin, drüben über den lilablauen Abgründen des Gebirges, lagen im Morgennebel wie blaue Inseln und schienen unser Kommen in ihrer Unwirklichkeit zu erwarten.

Wenn wir auch nichts zu essen und nichts zu trinken bekamen und seit unserem Ausritt aus Olympia noch kein warmes Mahl gesehen hatten, so merkten wir doch noch nicht, daß uns irgend etwas fehlte. Mein Reisegefährte hatte sich vom Führer einen Kranz getrockneter Feigen kaufen lassen, und diesen hängte er über den Arm. So zum Morgenimbiß Feigen kauend, ritten wir auf neuen Bergwegen weiter. Die Bäume wurden immer spärlicher, und die Steinblöcke wuchsen immer reicher in die Luft.

Wir hatten jetzt außer dem Hotelführer noch einen jungen griechischen Hirten als Führer dabei, der mit seinem langen Holzstab in der Hand — an welchen oben eine Muschel geschnitzt war — vor unseren Pferden aufrecht und wegkundig einherschritt und uns über die Bergpässe führte.

Kein Haus, kein Dorf, keine Menschenansiedelung war auf viele Meilen zu finden. Gegen Mittag trafen wir nur im Gestein an einer altgriechischen Quellenfassung, wo das Wasser aus einem weißen marmornen Löwenkopf sprudelte, zwei Hirten bei großen Hammelherden. Diese arkadischen Hirten hatten keine andere Kleider an als die Felle ihrer Hammel, die sie mit Hanfstricken um die Brust und um die Beine umbunden trugen.

Sie hatten aus Rohren selbstgefertigte griechische Panflöten in der Hand, und sie verwunderten sich so wenig über unser Erscheinen, so wenig wie die Steine und die Quelle es taten, für die sie ihre Flöten spielten. Diese jungen Hirten trugen dieselbe allwissende Geste zur Schau, so wie sie das Wild im Walde, der Vogel in der Luft, der Fisch im Wasser zeigten, die sich nicht vom natürlichfestlichen Weltallzusammenleben getrennt haben.

Der Mensch der Städte, der da, nur mit seinesgleichen beschäftigt, auch nur seinesgleichen als lebenswürdig betrachtet, hat diese Geste verloren. Diese beiden in Schaffelle gewickelten Gestalten aber lebten mit der Sonne, mit dem Regen, mit ihren Tieren auf du und du. Und unser Erscheinen bei ihnen, jenen reichsten Armen, die sich Besitzer des Weltallgebäudes nennen könnten, die mit mehr Welt leben als jeder Städter, brachte kein Überraschtsein, keine Verwunderung hervor.

Sie machten uns, sich ruhig erhebend, auf ihren Steinen an der Quelle Platz, und sie setzten sich, einen Gruß murmelnd, ein wenig weiter fort in die Sonne, ohne uns neugierig zu betrachten.

Nach einer Weile, während wir den alten tausendjährigen Löwenkopf an der schön umfaßten Quelle bewunderten und uns am eisigen Wasser erquickten, waren die beiden Hirten, als wir uns wieder aufrichteten, spurlos aus den Steinfeldern verschwunden. Wir hörten nur noch die Hammelherde über eine ferne Geröllböschung fortziehen, deren Steine unter den vielen Füßen rasselten.