Die Weinkrüge, in welchen dieser griechische Landwein aufbewahrt wurde, hatten noch die alte Form. Sie waren fast menschengroß, aus rötlicher Tonmasse, bauchig und unten spitz zulaufend, und wurden zur Hälfte in die Erde eingegraben. Wir sahen auf der Reise öfters solche Krüge in den Hausgängen der Bauernhäuser in einer Ecke lehnen, und diese geheiligten altväterlichen Krüge schienen jedes neuzeitliche Bauernhäuschen mit altgriechischem Geist zu weihen.

Das offene Reisigfeuer, das auf dem Herd unter unserem Zimmer in der Herberge im kalten Abend angezündet worden war, schickte uns beißenden Rauch durch die Dielenspalten, und hustend und mit Kopfschmerzen suchten wir unser Lager auf, wo wir bald, von Müdigkeit und Rauch betäubt, einschliefen.

Nach jenem unheimlichen Abendritt, der zwar mehr in meiner Vorstellung als in der Folge gefährlich gewesen, stiegen mir wieder neue Bedenken auf gegen ein Leben in fernen, einsamen, unbekannten Gegenden unter Volksstämmen, deren Sprache, Sitten und Gewohnheiten nicht die meinen waren.

Am Tage, als wir unter den Wiesen und Quellen, unter den Platanen und Pappeln, unter den Birken und Kastanien, bei den tausend Anemonenblumen, bei Morgen- und Mittagssonne hingeritten waren, hatten mich die altgriechischen Geister begleitet, und ihre Festlichkeit hatte mein Herz mutig und zuversichtlich gemacht, so daß ich einige Stunden geglaubt hatte, ich würde mir gern in jener hoheitsvollen arkadischen Landschaft ein einsames Bauernhaus kaufen und hier meine Lebensjahre verbringen wollen.

Aber seit dem Schreckanfall in der Abenddüsterheit, seit der Mann mit den sechs Fingern am Wege aufgetaucht war, bebte der Grund und Boden unter mir hier von Räubervorstellungen, die ich auch in den nächsten Tagen nicht mehr ganz überwinden konnte. Und niemals mehr kehrte in mir das tiefe Verlangen wieder, im Peloponnes bleiben zu wollen. Ich sah ein, wenn schon ein Mann hier auf Schreckensgedanken kommen konnte, wie unmöglich war es dann erst für eine europäische Frau, für meine Frau, mit mir hier in einem einsamen Bauernhaus zu leben und einen Haushalt zu führen.

Die arkadischen Landschaften sahen sich verlockend an, aber die Lebensbedingungen waren zu hart und waren mir auch zu unbekannt. Und ich sagte mir vom nächsten Morgen an: ich will jetzt als Vergnügungsreisender, wie mein Reisegefährte es ist, sorgenfrei über die Berge dieses Landes reiten und nicht mehr dabei an meine Zukunft denken. Ich werde bei meiner Rückkunft nach Athen, vielleicht in der Nähe der griechischen Hauptstadt, ein einfaches Weinberghaus finden, wo ich mit meiner Frau, aber doch nicht weltverlassen, leben kann.

Von diesem Entschluß an war es mir, als legte ich ein schweres Gepäck ab, das ich unsichtbar auf meinem Kopf getragen hatte. Sorgenlasten fielen von mir, mit denen ich in Delphi, in Olympia und in Arkadien bepackt, unter stetem Druck die griechischen Meilen hatte atembeklommen betrachten müssen.


Am nächsten Morgen, als wir bei Sonnenaufgang zeitig aufbrachen, war ich dem Räuberabenteuer dankbar, daß es mich wenigstens in Gedanken auf die Schatten des arkadischen Einsamkeitslebens hingewiesen hatte. Und befreit von dem Ansiedlungsplan sah ich fröhlich in die taufrische Frühhelle.