Sieh doch, der Geist der Frau, die dich liebt, geht jetzt an Stelle des Führers neben den Pferden her. Du fürchtest, ihr könntet von rückwärts von den harmlosen Reitern erschossen oder gefangen werden. Die Kraft der Geliebten wird jede Kugel von dir fernhalten, und kein Lasso wird dich einfangen können, weil dich die Liebe begleitet.“
„Schweig,“ befahl der Verstand dem Herzen. „In einem wildfremden Land, und in einem Land wie diesem, ist es gefährlich, im Abend zu träumen. Im Dunkel soll man Augen und Ohren doppelt offen haben.“
Unsere armen Pferde aber wußten nicht, ob sie hinstürzen oder fortjagen sollten, weil wir sie so unmäßig antrieben. Hinter uns wurden die Wege immer dunkler. Nur auf der Höhe, auf der die Pferde auf gewundenen Wegen hochkletterten und wo das Bergdorf liegen sollte, das wir aber noch nicht sahen, war noch mattes Dämmerlicht. Es war noch so hell, daß ich meinen Reisegefährten neben mir und die Straße vor mir erkennen konnte. Bergabwärts aber steckten die Reiter hinter uns bereits in Dunkelheit. Nur Stimmen und Pferdehufe folgten uns.
Die Fensterscheiben von steil auf den Bergwänden stehenden fernen Hütten blinkten auf. Unbehelligt kamen wir vorwärts, und bei den ersten Fenstern warteten wir. Ich wunderte mich eigentlich, daß wir noch nicht gefangen genommen waren. Denn jetzt war es für die Räuber zu einem Überfall zu spät, da in diesem Ort, das wußten wir, sogar eine Telegraphenstation war. Also würden wohl auch Gemeindevorsteher und andere anständige Leute da sein, die uns in Schutz nehmen konnten.
Ich hatte mir unterwegs vorgenommen, von hier gleich an den deutschen Konsul nach Kalamata zu telegraphieren und das Telegramm auffällig aufzugeben, damit man wissen sollte, daß wir dort erwartet würden, und damit man uns nicht noch in der Nacht in einer der unheimlichen Herbergen verschwinden lassen könnte.
In der späten Abendstunde gaben wir dann, umgeben von einem Haufen Leute, die zusammengelaufen waren, um uns zu sehen, das Telegramm auf dem armseligen Telegraphenamt ab.
Schon beim Eintritt in das Dorf, als uns hufeklappernd die Pferde der anderen Reiter einholten, rief uns die Stimme unseres Führers an, welcher hinter dem sechsfingrigen Reiter auf dessen Sattel mit aufgesessen war, und den wir so verdeckt in der Dunkelheit nicht mehr hatten erkennen können.
Mein Herz lachte nun mein Gehirn aus, aber der Verstand erklärte immer gesetzt und altklug: „Ehe wir nicht diese Reise durch den Peloponnes beendet haben, sollst du mich nicht verlachen.“ —
In einem elenden Zimmer in elendesten Strohbetten übernachteten wir. Der Raum lag im ersten Stocke eines schmutzigen und düsteren Hauses. Durch die breiten Spalten der geborstenen Dielen konnte man in die unteren Räume hinunter auf die Köpfe der Griechen sehen, die dort bei einer Kerze zusammensaßen.
Zu essen gab es nichts. Wir verzehrten altes Brot, das wir noch bei uns hatten, und einige Scheiben getrocknete Zervelatwurst. Dazu tranken wir ein Glas geharzten Landwein, an dessen bitteren Geschmack wir uns nicht gleich gewöhnen konnten.