Ein paar armselige Tassen ohne Untertassen und ein einziger Teelöffel, der, wenn Besuch da war, herumgereicht wurde, machten ihre wenigen Haushaltungsgegenstände aus. Sie aß täglich kaum mehr als ein Ei oder einen Zwieback und sie trank Tee in der Abendstunde und Tee in der Morgenstunde und Tee in der Mittagsstunde. Manchmal nur besuchte sie mittags eine kleine Arbeiterspeisestube, wo sie einen Teller Suppe aß und ein Brot.

Sie war tief gebildet. Polnische Dichter und polnische Künstler und französische Dichter und französische Maler füllten an Sonntagabenden die ärmliche pariser Malerwerkstatt, wenn die Polin Empfang hatte. Dann reichte die Künstlerin in ihren wenigen Tassen den Tee herum, schlicht und anspruchslos zwischen ihren Gästen sitzend. Das Echo aller europäischen Kunstbestrebungen und das Echo aller europäischen Dichtergeister lebte in den klugen Meinungen, die an jenen Sonntagabenden in dem wenig erleuchteten riesigen Glasraum zwischen jener Frau und ihren Gästen lebhaft ausgetauscht wurden.

Eine Schwester dieser Malerin studierte in Paris Chemie. Und ich erinnere mich, daß mir eines Tages die Künstlerin, als sie mich malte, mit außergewöhnlich lebhaften Augen erzählte, ihre Schwester sei jetzt in jener chemischen Abteilung in Paris beschäftigt, in welcher man auf künstlichem Wege Diamanten herzustellen versuchte.

„Ach,“ sagte sie lächelnd, halb ernst, halb spaßhaft, „wenn meine Schwester es lernen wird, Diamanten zu machen —“ und sie vollendete den Satz nicht und malte weiter und sah mich nicht an, weil sie schon erschrocken war, sich vielleicht verraten zu haben. Denn sie wollte niemand wissen lassen, wie schlecht es ihr gehe. Sie sagte zu jedermann, daß ihr Vater sie unterstütze. Aber später erfuhr ich, daß sie dieses nur sagte, um nicht bemitleidet zu werden. Sie hoffte auf die künstlichen Diamanten, träumerisch und belustigt!

Nie klagte sie in Worten, aber ihr demütig stilles feines Wesen klagte, ohne daß sie es selbst wußte. So sagte sie einmal an einem eisigen Wintertag lachend zu mir:

„Das große Atelier heizt sich so schwer, und deshalb muß ich mich nachts, um nicht zu frieren, in alle möglichen Teppichlappen und Jacken und Schals einwickeln. Sie würden mich gar nicht wiedererkennen, wenn Sie mich einmal morgens so sehen könnten, wie vermummt ich da bin. Und ich muß immer lachen, wenn ich mich morgens beim Aufstehen zufällig im Spiegel sehe.“

Die arme Künstlerin kehrte jeden Morgen ihre Werkstatt eigenhändig mit den zierlichsten Händen der Welt und heizte selbst den kleinen groben Ofen, um das Geld für die Bedienung zu sparen. Und dabei hingen von ihr unsterbliche Werke im Luxembourgmuseum, und sie hatte bereits verschiedene goldene Medaillen in londoner und pariser Kunstausstellungen erhalten.

Ich finde, das polnische Volk hätte weinen und trauern müssen tagelang, nachdem sich jene begabte Frau in Warschau verzweifelt auf die Schienen geworfen hatte. Die Lokomotive, die den zarten und von Entbehrungen geheiligten Körper dieser Künstlerin rasch unter ihren Eisenrädern zermalmt hat, sie, scheint mir, war barmherziger als das Volk, das eine seiner besten Künstlerinnen hat hungern und darben lassen.

Haben denn die Künstler nicht genug mit der Bewältigung ihres Gefühlslebens zu tun, mit der Bewältigung ihrer Weltbetrachtung, mit der Erringung eines ruhigen Künstlerstandpunktes, von dem aus sie nie dagewesene Werke aufbauen müssen! Warum sollen Künstler auch noch die Nahrungssorgen bewältigen, sie, die von der Natur geboren sind zu schenken, Höchstes und Erdentrücktes. Sie, die nicht wie die Beamten und Offiziere in Wiederholungen und vorgeschriebenen Richtungen ihr tägliches Amt erfüllen können. Sie, die nach jedem vollendeten Werk ein neues, ganz anderes, niedagewesenes Werk beginnen müssen. Sie, die tiefste Sammlung, tiefste Verinnerlichung der Arbeitskräfte vom Gedanken des Geldverdienens trennen muß, weil sonst das Künstlerwerk unrein, unkünstlerisch wird und nicht Ewigkeitswert erreicht und nicht erhebende Kraft spenden kann.

Sie, denen das entstehende Kunstwerk sogar verbietet, an Ruhm und Ehre zu denken, sie, die also nur auf sich hingewiesen, ohne Rücksicht auf ihren Vorteil oder Nachteil, schaffen müssen und auch von der Natur so geboren sind, um nur so schaffen zu können, sie, die nie den Geldverdienst im Auge haben dürfen, damit ihr Auge rein bleibt wie das Auge eines Heiligen und eines Helden; sie, die so veranlagt sind, so hilflos dem Verdienst gegenüber — ihnen sollte nicht die ganze Nation, die später jene künstlerischen Werke genießt und deren Eigentumsrecht beansprucht und die durch die Künstler mit Ruhm bedeckt wird — ihnen sollte nicht die Nation einen würdigen Platz in ihrer Mitte bei Lebzeiten einräumen können?