Wenn es bis heute nicht in dem Maß geschehen ist, wie es geschehen muß, so sind daran schuld der unaufgeklärte Zeitgeist und eine veraltete Weltanschauung. Aber mit der Anerkennung der Festlichkeit des Lebens werden die Völker nicht anders können — wenn sie ehrlich sein wollen —, als dem nicht nach Geld streben dürfenden Künstlertum freie Entwicklungswege und freie Pflege zu bieten.

Das Volk hatte bisher die falsche Meinung, daß das Künstlertum mit der Leichtlebigkeit, dem Leichtsinn, der Verschwendung und der Unzuverlässigkeit unzertrennlich zusammenhängen müsse, ebenso wie mit der Launenhaftigkeit. Die Leute zucken die Schultern über den Künstler, wenn sie manche seiner Handlungen nicht begreifen, und sagen zwar entschuldigend: „Es ist eben ein Künstler. Der darf das tun. Ein wenig leichtsinnig, ein wenig leichtlebig, ein wenig verschwenderisch, ein wenig launisch, ein wenig unzuverlässig darf er schon sein. Es ist ein Künstler.“ Aber man verachtet trotzdem die künstlerische Sorglosigkeit.

Ich frage: in welchem Stande fänden sich nicht obige Eigenschaften? Wer kann mir einen Stand nennen, in welchem nicht leichtlebige, leichtsinnige, verschwenderische, unzuverlässige und launenhafte Leute zu finden wären? Gibt es nicht unter den Offizieren Schuldenmacher, Spieler? Gibt es nicht unter den Kaufleuten, unter den Handwerkern leichtlebige, unzuverlässige, verschwenderische Menschen?

Ich habe am Eingang dieses Buches gesagt, daß dem Künstler, als sechster Sinn, die Sorgenblindheit angeboren ist. Das will aber nicht sagen, daß er die Sorgen nicht sieht und von ihnen nicht mehr geplagt wird wie jeder andere Mensch. Der Künstler hat von der Natur die Kraft bekommen, über die Sorgen hinweg in geistige Erhebung kommen zu können, und so scheint es denen, die das nicht vermögen, als wäre der Künstler bei allen Sorgen leichtsinnig und sorgenlos. Aber da sein Beruf in der Erdentrücktheit liegt, wird der Künstler doppelt schwer betroffen, wenn er von seiner Arbeit, der weltentrückten, zur Wirklichkeit zurückkehrt und statt des Lohnes die Nahrungssorge neben sich sitzen sieht.

Das Volk besoldet seine Priester. Warum? Weil man sagt, sie dienen einem Wesen, das sie nicht bar bezahlt; sie dienen einem Ideal. Und was tun die Künstler anderes? Dienen sie nicht alle dem Kunstideal? Schöpfen sie nicht täglich aus der Unwirklichkeit neue Gefühls- und Hoheitswerte? Und verdienen sie darum nicht, daß ihr ihnen wenigstens denselben Lohn gebt wie euren Priestern, wie euren Bischöfen? —

Ich habe einmal einer Verschwendungsszene in einem Künstlerhaus beigewohnt. Jener Künstler ist jetzt ein vielgefeierter Mann, und sein Name ist berühmt. Aber dieses trug sich vor zwanzig Jahren zu, als er noch jung war und erst an der Schwelle zur Berühmtheit stand.

Er hatte damals noch einen Brotberuf und konnte sich nur nebenbei mit seiner Kunst beschäftigen und litt sehr unter diesem Doppelleben. Eines Abends, als ich sein Haus besuchte, fand ich seine Frau allein mit dem jüngsten Kinde auf dem Arme, und sie klagte mir, halb lachend, halb weinend:

„Sehen Sie, was er wieder gemacht hat! Ist das nicht ein toller Mensch? Gestern hat er seinen Monatsgehalt bekommen, und auf dem Heimweg kam er an einer Teppichhandlung vorüber, in welcher dieser kleine Teppich ausgestellt war. Und denken Sie, dieser Teppich reizte ihn durch seine Farbenzusammenstellung so sehr, daß er sich nicht enthalten konnte, in den Laden einzutreten und den Teppich zu kaufen. Und drinnen im Laden fällt ihm ein wunderbares venezianisches Kelchglas, ein rubinfarbenes, auf, und auch dieses mußte er haben.

Und er legte für beides seinen ganzen Monatsgehalt auf den Tisch. Er ließ sich dann den Teppich zusammenrollen und nahm das Rubinglas dazu und kam vergnügt, als wenn er das große Los gewonnen hätte, zu mir nach Hause. Dann rollte er den Teppich hier mitten im Zimmer auf und ging am Abend stundenlang jubelnd und entzückt, die Augen auf den farbigen Teppich gerichtet, auf und ab, hin und her. Und dazwischen hielt er den venezianischen roten Rubinkelch gegen das Lampenlicht und freute sich wie ein Kind, dem man eine Blume geschenkt hat.

Warten Sie nur, er wird gleich nach Hause kommen. Dann werden Sie selber sehen, wie er sich benimmt. Aber ich kann ihm nicht einmal böse sein. Er freut sich zu sehr. Ach, sagen Sie nur, was macht man mit solchem Menschen? Sie können sich vorstellen, daß in einem Haushalt, wo Kinder sind, der ganze Monatsgehalt nicht für Teppichfreuden und für ein venezianisches Glas verwendet werden darf.“ So klagte die junge ratlose Künstlerfrau.