„Sagen Sie mir einen anderen Titel, wenn Ihnen einer einfällt,“ meinte Scherbart lebendig.

Nach kurzem Besinnen entfuhr mir das Wort „Ultraviolett“.

Scherbart sagte: „Das versteht nicht jeder.“ Und ich mußte ihm zustimmen, daß für einen Verlag der Name zu unverständlich sein konnte.

Aber als ich Scherbart verlassen hatte, hing ich auf der Straße dem Gedanken noch weiter nach. Denn Scherbart hatte mich gefragt: „Wie kommen Sie eigentlich auf das Wort ‚Ultraviolett‘?“

Dann hatte ich ihm erklärt, daß mein Vater, der sich auf Optik verstanden, durch seine Auseinandersetzungen über die ultravioletten Lichtstrahlen — die bewiesenermaßen im Weltraum leben, aber vom Menschenauge nicht erfaßt werden können — mir für dieses unsichtbare Licht eine große innere Ehrfurcht erweckt habe. Eine heilige Scheu habe sich immer bei der Vorstellung dieses Lichtes „Ultraviolett“ in mir geregt.

Außerhalb meines Augenkreises, sagte ich mir, war ein Licht entdeckt worden, das nur berechnet, aber nicht genossen werden konnte. Und es hatte mich bei der Vorstellung, daß jene ultravioletten Strahlen einsam im Weltraum leben müssen, ohne die Bewunderung des Menschenauges genießen zu dürfen, immer ein geheimnisvolles Wehgefühl durchschauert. Das ultraviolette Licht erschien mir als das Einsamste unter den einsamen Lebewesen.

Und da ich nun die Einsamkeit im Norden bewundern und schätzen gelernt und gefunden hatte, daß sie befruchtend auf meine Dichtung wirkte, sah ich die Phantasie des Dichters, die fern vom Weltgetriebe reifen und sich entwickeln muß, als den innigsten Gefährten jenes ultravioletten Lichtes an.

Ich weiß, daß dieses eine Jünglingsschwärmerei war, und daß ich im Grunde nicht das Alleinsein an sich meinte. Denn am liebsten hätte ich die Einsamkeit mit einem Weibe geteilt. Und in der Liebeseinsamkeit wäre ich nie auf den Gedanken verfallen, mich als Leidgenosse des einsamen Lichtes Ultraviolett zu fühlen.

Aber ich war damals stolz — wie jeder Asket stolz auf sein härenes Gewand, auf seine Geißel und auf seiner Geißel Wunde ist — stolz, der sehnsüchtige Gefährte des lebensfernen Ultravioletts zu sein.

Und so beschloß ich, da der Titel nicht für einen Verlag paßte, wie Scherbart gemeint hatte, denselben Titel „Ultraviolett“ meiner Sammlung Dichtungen zu geben, die ich teils in München nach Gemälden in der Sezession und teils nach Natureindrücken in Bohuslän niedergeschrieben hatte.