In meiner Weltabgeschiedenheit hatte ich auch gefunden, daß Gedichte sich besser einprägten, wenn jedes Gedicht auf ein einzelnes Buchblatt gedruckt war. So wie bei einem Gemälde auf der Rückseite der Leinwand nicht noch ein Gemälde Platz findet, so fand ich es übel, wenn nicht jedes Gedicht auf ein Blatt gedruckt war, ähnlich wie bei Handschriften, wobei man nur die eine Seite zu beschreiben pflegt. Und in diesem Sinne ließ ich mein Buch „Ultraviolett“ drucken.

Die Annahme, daß das Buch nur einigen Künstlern Anregung geben würde, bestimmte mich, dasselbe nur in hundert Exemplaren drucken zu lassen. Damit ich aber mit den fünfzig Exemplaren, die ich verkaufen ließ, da ich die übrigen fünfzig verschenkte, auf die Druckkosten kommen konnte, ließ ich den Preis für jedes Buch auf fünfundzwanzig Mark ansetzen. — Heute wird das Buch von den Antiquariaten für achtzig Mark verkauft, wie ich aus verschiedenen Katalogen in den letzten Jahren ersah.

Daß sich in der Welt der Kritik kein kleines Geschrei erhob, als dieses absonderliche Buch das Schaufensterlicht der Buchhandlungen erblickte, wird sich jeder denken können, der ein wenig das literarische Tagesleben kennt. Ich aber war damals ahnungslos wie Johannes der Täufer in der Wüste. Ich wußte nicht, daß ich eine vierfache Sünde in den Augen der Kritik begangen hatte.

Erstens: in einer Wirklichkeitszeit, in der „Wiedergabe des Alltagslebens“ das Losungswort der schreibenden Welt war, hatte ich phantastische Poesie erzeugt. Man sagte, ich wolle mit diesem Buch die Kritik an der Nase führen und säße heimlich daneben und verlachte alle und alles.

Zweite Sünde war: die Ausstattung des Buches, die nie dagewesene Ausstattung des nur halb bedruckten Buches. Und auch diese Sünde war, wie die erste, doch nur eine Einfaltssünde von mir.

Die dritte Sünde war der ungeheuerliche Titel „Ultraviolett“, wobei alle Kritiker den Nachdruck auf „Ultra“ legten. Während ich aber doch nie den lateinischen Ursprung des Wortes bedacht hatte, sondern nur immer von der Wehmut des Gedankens und des Gefühls beherrscht war, daß jenes wirkliche und unwirkliche Licht dort an der äußersten Grenze der Weltallvorstellung aufs Einsamste lebte.

Meine vierte und auch nicht kleine Sünde war, daß ich bei allen drei Überspanntheiten auch noch als vierte einen überspannt hohen Preis angesetzt hatte, der mir aber gar nicht zu hochgegriffen schien im Verhältnis zu meinen Druckunkosten. Warum sollte ich nicht für das Buch fünfundzwanzig Mark verlangen dürfen — alle fünfzig Exemplare wurden verkauft —, da ich doch gar keinen Gewinn für mich beanspruchte, sondern nur auf die Höhe der Druckkostensumme kommen wollte.

Ich merkte lange nicht, in welchem Grad ich mir durch dieses Buch meine Zukunft verbittert hatte. Zwar die Künstler, die Maler, liebten das Buch. Die Dichter blätterten darin verblüfft herum, fühlten den jugendlichen Drang des Dichtenden und waren gerührt von der Askese und der ehrlichen Weltfremdheit, die aus den Zeilen sprachen. Aber die Kritiker sahen mich für einen frechen Eindringling an, für einen wahnwitzigen Narren.

Zwanzig Jahre hindurch konnte ich in fast jeder Kritik, die über meine Art zu dichten geschrieben wurde, das Wort „Ultraviolett“ wiederfinden. Wie die Brandmarke, die man einem Galeerensträfling ins Fleisch brennt, rief man mir fortgesetzt das Abc-Buch meiner Lyrik in Erinnerung. Auch als ich schon längst über die Anfänge des ersten Könnens hinaus war, wollte man nur immer von meinen ersten Gehversuchen sprechen.

Wäre ich nicht in einer Zeit der allgemeinen Mauserung der Weltanschauung geboren, sondern wie die Dichter der früheren Jahrhunderte in einer Epoche feststehender Ideale, dann wären diese neuen Gehversuche nicht nötig gewesen. Aber gerade in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts begann sich allgemein die europäische Menschheit von einer beinahe zweitausend Jahre alten Idealwelt loszulösen.