Wie den Griechen und Römern der Olymp eingestürzt war vor zweitausend Jahren, so stürzte uns der alttestamentarische Himmel ein nach beinah zweitausendjährigem Glauben. Und wer es ehrlich mit seiner Zeit meinte, mußte dem Erlöschen alter Ideale Rechnung tragen und, im Dunkel stehend, Gehversuche machen, Tastversuche, um zu fühlen, zu suchen, von wo ein neues Licht der Zukunft für Leben und Kunst leuchten würde.
Solche Tastversuche waren für mich mein Buch „Ultraviolett“. Ich nehme dieses Buch nicht anders in Schutz. Es ist nur ein Dichtungsversuch, der mir in einer unklaren Zeit genützt hat, der aber nie für die breite Öffentlichkeit bestimmt war. —
Ich verweilte deshalb ausführlich beim Ursprung dieses Buches, nicht um mich zu entschuldigen, sondern um mich und unsere Zeitforderungen zu erklären. —
Mein zweimaliger Aufenthalt im Norden, im bohuslänschen weltfernen Pfarrhause, hatte zur Folge, daß ich einsames und ursprünglichstes Naturleben kennen gelernt hatte und dabei zugleich aus engen Kulturverhältnissen alter deutscher Vergangenheiten losgekommen war, so daß ich jetzt nicht mehr leicht ausgetretene Wege einschlagen konnte. Dieser zweimalige Aufenthalt in Schweden gab mir einen größeren Weltblick. Ein jahrelanges Auslandsleben folgte, wobei ich Kunsteindrücke und vielseitiges Menschenleben aufnahm und Zeit und Vermögen blindlings verschwendete, nie nach Nutzen und Einkünften, sondern nur nach Lebensbereicherung fragend.
Daß ich mir damals das Erleben noch durch die stete Frage störte: wird dieser Tag ein Gedicht bringen? Und daß ich mich bei jedem Weg fragte, ob ich auf ihm eine Dichtung erleben würde. Dieses gehetzte Fragen kam nicht aus meinem Innern. Es war teils von der äußeren jugendlichen Ungeduld, mich betätigen zu wollen, eingegeben, teils kam es aus dem Ansporn, den mein Vater brieflich auf mich ausübte, indem er von Vierteljahr zu Vierteljahr drängte, Neues von mir hören zu wollen. Immer sollte ich ihn auf dem Laufenden halten mit Plänen und Hoffnungen für neue Bücher. Er glaubte wahrscheinlich, Faulheit könne mich hinter seinem Rücken auffressen.
Man wollte zu Hause nicht dem harmonischen und angeborenen natürlichen Entwicklungsfleiß, der jedem jungen Mann, der sich ernstlich ein Ziel gesetzt hat, innewohnt, vertrauen und glauben. Und man spornte den von selbst Fortschreitenden so an, als wenn er ein Eingeschlafener wäre.
O wieviel Sorge kann solche Übersorge anderer uns bereiten! Vertrauen ist das Gefühl, auf das die Jugend ein unbedingtes Recht hat.
Unter diesen Umständen war ich gezwungen worden zu fragen: Wird eine Dichtung aus dieser Reise entstehen? Werde ich diese Reise literarisch verwerten können? — Aber erst nach der Reise um die Erde, in meinem vierzigsten Lebensjahr, fühlte ich mich reif, Geschehenes und Gehörtes in Prosa und Dichtungen ununterbrochen wiedergeben zu können. Dann erst war es mir wieder zur zweiten Natur geworden, unbewußt erleben zu können, ohne dabei an literarisches oder dichterisches Verwerten denken zu müssen.