Bei meinem Sommeraufenthalt in Dänemark am Isefjord 1893 hatte ich den Entwurf zu einer neuen Dichtung gemacht.

Dieser gab ich den Titel „Die schwarze Sonne“. In dieser Dichtung wollte ich im Gegensatz zur freudigen Sonne, die Sonne des Leides darstellen. So wie die Nacht dem Tag folgt, sagte ich mir, so wandert auch durch den Tag der Freuden der schwarze Strahl einer schwarzen Sonne, und die von ihm Gezeichneten ließ ich zu einer Leidensschar sich zusammenschließen. Es sollte dieser Zug von Leidenden ein Gegenstück zum Bacchuszug sein, den ich auf dem großen Gemälde von Rubens in der alten Pinakothek in München gesehen hatte.

Der Zug durchwandert die Heide. Nackte Männer, nackte Frauen, nackte Jungfrauen und Knaben, verwundet vom Leid, zusammengeschart im Leid und doch sich ihr Leid nicht eingestehen wollend, aber jeder gezeichnet vom Todeskeim, wandern und lagern abends im Wald. Die Stärksten unter ihnen, die reifen Männer und Frauen pflücken schwarze Giftbeeren, und Männer und Frauen sterben in einer letzten Umarmung.

Die Mädchen, Knaben und Greise aber steigen morgens vom Wald an den Felsenabhängen hinunter zum Meer und binden angeschwemmte Stämme zu einem Floß zusammen. Sie besteigen das Floß. Sie haben sich mit Waldkränzen geschmückt. Das Meersalz hängt sich an ihre Lippen, während sie singen. Und als die weiße Sonne des Tages im Mittag steht, schickt die schwarze Sonne des Leides aus der Tiefe des Meeres eine große finstere Welle herauf, die das Floß mit den bekränzten Singenden verschlingt. —

Der Einfall zu dieser Dichtung kam mir am Isefjord. Ich ging dort einmal bei einem Feldspaziergang in trauriger Stimmung, gequält von Einsamkeit und bedrängt von der Sorge um das tägliche Leben, an einem Moor vorüber. Vom Anblick der nachtschwarzen Moorerde und des unheimlichen Moorwassers angezogen, und angelockt von Todeslustgedanken, setzte ich mich am Rande des Moores nieder und fühlte, wie die Düsterkeit, die mich bei fröhlicher Stimmung vielleicht erschreckt hätte, mir jetzt in meiner Traurigkeit wohl tat.

Ich hatte bisher noch nie erlebt, daß mich Düsteres angelockt hätte, und daß ich mich bei Düsterem wohlgefühlt hatte, denn ich war immer lebenswarm und lebensfröhlich gewesen. Nun aber sagte ich mir, als ich am Moor saß und eine Wohltat von der Düsterheit der Landschaft empfing: es muß zwei Sonnen geben. Eine Freudengesinnte, die dem Freudiggestimmten gefällt, und eine Leidgesinnte, die dem Leidtragenden wohltut. Und es war mir, als sah mich aus der Tiefe des Moores die schwarze Sonne des Leides an und begrüßte in mir die Düsterheit meines Kummers.

Die Dichtung „Die schwarze Sonne“, die ich dann zu schreiben begann, dichtete ich zum erstenmal in Binnenreimen, wobei ich, um das Echo des Wanderns auszudrücken, die Reimworte mitten in die Zeilen stellte, um so die im Takt schreitenden Schritte der Wandernden ertönen zu lassen.

In Kopenhagen schrieb ich den ersten Gesang dieser Dichtung, in London den zweiten Gesang und später in Stockholm den Schluß. Das ganze Gedicht entstand im Laufe von ungefähr zwei Jahren. Ich hatte immer große Arbeitspausen zwischen den verschiedenen Gesängen eintreten lassen müssen, da ich nur dann an dieser Dichtung weiterschreiben konnte, wenn mich ein tiefes Leid grämte.

Auch dieses Epos, obwohl ich es später — noch vor zwei Jahren — in einer neuen Auflage erscheinen ließ, zähle ich unter die Entwicklungsschriften meiner Dichterlehrjahre, von welchen ich hier in diesem Buche nebenbei berichten will.