Diese Jugendbücher waren ekstatische Ausbrüche einer jungen Phantasie. Ich hatte noch nicht die Geliebte gefunden, die der geistigen Freudigkeit als Gegengewicht irdische Freudigkeit des Lebens gibt. Erst später, im Liebeserleben, wurde mein Dichten warmblütig, während meine Dichtungen vorher, Nordlichtstrahlen ähnlich, aus meinem Kopfe schossen und mehr Spukwerk als Kunstwerk waren.
Ich hatte in meiner Jugend immer einen heiteren und lebensfröhlichen Sinn, und wenn ich morgens aufwachte, war ich nie grämlich und ängstlich, immer von Hoffnungen und Lebenswärme bewegt. Alles Erlebte war für mich immer festlich gewesen trotz des unerbittlichen Ernstes, der in meinem Vaterhause geherrscht hatte. Denn mein Vater war, als ich zwanzig Jahre alt wurde, bald ein Greis von siebzig Jahren. Ich fühlte mich oft ein wenig zu weise erzogen und kam mir damals etwas greisenhaft und im Blute unbeholfen vor, besonders da ich nicht wie andere junge Leute meines Alters Liebesgetändel und flüchtige Liebesverhältnisse pflegen konnte. Ich war immer von einer steten Bangigkeit erfüllt, die große Leidenschaft versäumen und verfehlen zu können.
Meinen Vater und meine Mutter sah ich als Vorbild aufopferndster Liebe an. Ich wäre nur dann imstande gewesen, einem Mädchen von Liebe zu sprechen, wenn ich es zu meiner Frau machen wollte.
Aber die Bedrückung, in meinen damaligen Verhältnissen keine Frau ernähren zu können, und der Gedanke, daß ich vielleicht jeden Tag der Frau begegnen könnte, zu der ich hätte sagen mögen: „Wir wollen uns lieben,“ und für die ich dann wohl Liebe, aber keine Mittel zum Zusammenleben bereit haben würde — diese Erwägungen verfolgten mich unausgesetzt und machten mich zurückhaltend der Welt gegenüber, der ich jeden Tag von neuem, seit ich mein Vaterhaus verlassen hatte, die Hoffnung auf Lebensmöglichkeit abringen mußte.
Mein Vater drohte von Brief zu Brief, mir meinen monatlichen Unterhalt zu entziehen, deshalb waren meine Sorgen nicht unbegründet. Und jeden Tag genoß ich nur wie ein Mensch, der schnelle Blicke auf eine Landschaft wirft, indessen immer unterirdisches Erdbeben grollt, das ihn jeden Augenblick aufscheucht und ihm von seinem, in den nächsten Sekunden möglichen, Untergang redet.
Da ich auch nicht die Leichtigkeit in mir fand, im Plauderstil für Tageszeitungen schreiben zu können, um mir dadurch Geldmittel zu verschaffen, — weil ich mich in einer geistigen Umwälzung befand und bewußt und unbewußt einer neuen Dichtungsart zustrebte und unzersplittert, aufmerksam für den neuen Dichtungsgeist leben mußte, — so war ich oft recht unglücklich in allen Reisetagen, und trotz aller neuen Eindrücke, immer unglücklich umgeben von der mich hilflosmachenden Tagessorge.
Es sollte mir natürlich in Kleidung, Auftreten und Haltung niemand meine oft recht verzweifelte Lage anmerken. Und so trug mein Gesicht meist ein Lächeln, das nur zur Hälfte Lebensfreudigkeit war, zur anderen Hälfte aber eine Anstandsmaske über meine Sorgen legen sollte.
Ich hatte im Winter 1893, ehe ich zum erstenmal nach Bohuslän kam, eine kleine philosophische Betrachtung geschrieben, die ich „die Kunst des Intimen“ betitelt hatte. In Bohuslän fügte ich dieser Schrift einen zweiten Teil an, „die Kunst des Erhabenen“. In der „Kunst des Intimen“ sprach ich von Jakobsens Schreibweise, von Ola Hanson und von Ähnlichen, auch vom Maler Munch. Wogegen ich in der „Kunst des Erhabenen“ den vorgenannten Künstlern den Dichter Homer, Dante und ähnliche gegenüberstellte. Ebenso verglich ich in der Malerei Michel Angelo und die großen Italiener mit den alten Holländern und den Sezessionisten der Neuzeit. Und verglich in der Musik Beethoven und Wagner mit Mozart und Grieg. Mit diesem Überblick über das Kunstleben aller Zeiten wollte ich zeigen, wie die Anforderungen im Künstlertum immer auf Erhabenes und Intimes zugleich gerichtet waren.