Von dieser Handschrift, die, ich glaube, nur fünfzig Druckseiten aufwies, hoffte ich, daß sie mir nebenbei auch eine kleine Einnahme bringen möchte. Ein kopenhagener Rechtsanwalt, den ich kennen gelernt hatte, und dem die Arbeit gefiel, legte die Druckkosten für das Buch aus. Der junge Schwede hatte die Handschrift ins Schwedische übersetzt, und so erschienen diese Gedanken eines Deutschen in schwedischer Sprache bei einem dänischen Buchhändler in Kopenhagen gedruckt. Die deutsche Handschrift habe ich später auf den Reisen verloren, und die kleine Arbeit ist niemals anders als in schwedischer Sprache erschienen. Ich erzähle dieses, um an manche Hoffnungen und Pläne zu erinnern, die man sich als junger Schriftsteller macht, und die absterben wie Schößlinge eines Baumes, die neben den Hauptästen entstehen und verdorren müssen.
Während ich in Berlin im Winter 1893 jene Abhandlung über „intime Kunst“ niederschrieb, war mir auch der Gedanke gekommen, daß man intime Schauspielbühnen einrichten müßte, Bühnen in Zimmern oder Sälen, die nicht durch einen viereckigen Ausschnitt das Bühnenbild vom Zuschauer getrennt zeigen, sondern den Zuschauern, — welche zwanglos in Gruppen im Saal verteilt sein müßten —, den Eindruck geben sollten, als erlebten sie nicht bloß ein Schaustück, sondern ein intimes Ereignis, an dem sie selbst teilnahmen. Durch das Nichtgetrenntsein vom Bühnenbild sollten sich die Zuschauer enger mit den Erlebnissen verkettet fühlen.
Auch hatte ich geglaubt, da die Schauspieler damals das Pathos noch nicht ganz abgelegt hatten, es müßten die Schriftsteller zuerst noch selbst in einigen Schauspielen auftreten und die neue Spielart den Schauspielern zeigen. Denn die intime Wirklichkeitskunst bahnte sich zuerst in den Köpfen der Schriftsteller den Weg, und nur durch sie, meinte ich, könnte dem Schauspieler das damals noch fast unbekannte Wirklichkeitsspielen beigebracht werden.
Ich hatte ein Jahr vorher im Winter 1891, als ich noch zu Hause in Würzburg war, ein damals noch ziemlich unbekanntes Maeterlinksches intimes Drama, „Der Eindringling“ (l’Intruse) aus dem Buch „Die Blinden“ übersetzt. Von Maeterlink erhielt ich dann das Einführungsrecht dieses Stückes für Deutschland.
Ich machte dann Ende Winter 1892 mit Frau Marholm einige Besuche bei verschiedenen Schriftstellern in Berlin und forderte sie auf, ein „Intimes Theater“ zu gründen. Ich fand offene Ohren. Es schien, als sollten einige Aufführungen zustande kommen, denn die Lust nach einer intimen Bühne lag allgemein in der Luft.
Da es aber schon Frühjahr wurde, verschob man die Angelegenheit auf den nächsten Winter. Doch war keine rechte Sicherheit zu erlangen, und meine Reise nach Schweden und mein langjähriger Aufenthalt im Ausland, brachen dann die verschiedenen Unterhandlungen ab.
Etwas mutlos hatte mich der Ausspruch des damaligen Vorstandes der „Freien Bühne“ gemacht, dem ich Maeterlinks Drama „der Eindringling“ in meiner Übersetzung eingereicht hatte. Er meinte, daß es jetzt keine Zeit wäre für eine intime Kunst im Maeterlinkschen Sinne, die zu zart und phantasieblau sei. Besonders, da eben Gerhart Hauptmann das deutsche Publikum zu starker Nüchternheitskunst bekehren wolle, würde Maeterlink keine Aufmerksamkeit wecken.
Und ich sah auch ein, daß Berlin wirklich im Augenblick nicht der Boden für intime Phantasie und seelische Zartheit war, wie Maeterlink sie bot. —
In Kopenhagen hatte ich außer der kleinen Handschrift „Die Kunst des Intimen“ und „Die Kunst des Erhabenen“ auf eine Aufforderung der Zeitung „Politiken“ eine kleine Skizze geschrieben. Wie ich schon vorher erzählte, war ich damals noch nicht ganz frei von dem Wahn, Phantasien schreiben zu müssen, in welchen ich — als Gegensatz zu den alten abgebrauchten Menschenverkörperungen in der Natur, wie Elfen, Faune, Ungeheuer, Gnomen usw. — die Natur ohne menschliche Figurenwelt, einzig als Bild und Erlebnis für sich, geben wollte.
So hatte ich in jener Zeitungsskizze farbig beschrieben, was das Licht der Sommersonnenstrahlen erlebt, wenn es sich durch die Ritzen geschlossener Fensterläden von den Kornfeldern in einen alten Gobelinsaal eines dänischen Herrenhauses hineinstiehlt und dort bei den alten verstaubten Möbeln einen Aufruhr von neuem Leben hervorbringt.