Mein Herz hatte damals noch nicht gebrannt, als ich nur der Dichterlust zuliebe dichten wollte.
Nun war mir völlig klar: ich mußte umkehren, nach Stockholm zurück und nicht nach Italien wandern. Dieses Mädchen, das ich im Norden wußte, war mir so notwendig zum Atmen wie meine Lunge. Mein Herz war an ihr entzündet worden und konnte auch nicht in der Ferne mehr verlöschen. Es verfolgte mich jetzt ebenso sehr die Sehnsucht nach der Liebe jenes Weibes als die Sehnsucht nach den Dichtungen, die sie mir eingeben würde.
Als ich dann am nächsten Tag Hermann Bahr mit seiner jungen Frau glücklich lachend abreisen sah, und als ich am Abend wieder oben auf dem Berg in dem Bauernhause Ola Hanson und seine Frau besuchte, sprach dort in ihrer Häuslichkeit der Geist der Ehe, der Geist der Lust, einen Hausstand zu gründen, stark auf mich ein, und ich erzählte beiden, daß ich eine Stockholmerin liebte, die ich heiraten wollte. Die beiden waren sehr erstaunt und freuten sich und wünschten mir Glück. —
Kaum aber nach Stockholm zurückgekehrt, wurde mir noch deutlicher als vorher bewußt — da ich durch das viele Reisen mich wieder in Not gebracht hatte —, wie unmöglich es mir sein würde, da ich nur von meines Vaters Gnade lebte, mich mit einer Frau durchzuschlagen. Aber doch fand ich nicht die Kraft, die Sehnsuchtsgedanken an das junge Mädchen aufzugeben. In Stockholm angekommen, erfuhr ich, daß sie verreist sei, aber ich war glücklich, wenigstens in ihrer Vaterstadt umherzugehen. Eines Tages aber hörte ich dann plötzlich von ihrer Verlobung.
Ich wollte sofort aus Schweden abreisen. Doch die Mittel zur raschen Reise fehlten für mich, und eine mir grauenhafte Verkettung der Umstände zwang mich sogar, am Verlobungsessen im Hause der jungen Dame teilzunehmen. Danach hätte ich aber am liebsten meinem Leben ein Ende gemacht.
Wie ich noch voll Gram und Unentschiedenheit mit mir zu Rate ging, meldete mir eines Tages das Dienstmädchen, daß ein unheimlicher Mann vor der Türe stünde, der mich zu sprechen wünsche. Es war der polnische Schriftsteller Stanislaus Przybyszewski, dessen leise Stimme und fremdländisches Äußere dem Dienstmädchen Furcht eingejagt hatte. Przybyszewski war mit seiner Frau, welche Norwegerin war, von Kristiania nach Stockholm gekommen, und ich war nun glücklich, durch den geistig lebendigen Polen auf andere Gedanken gebracht zu werden. Er arbeitete in dieser Zeit eben an seinem Roman „Satans Kinder“.
Bei irgendeinem Bekannten saßen wir nun immer, bei starken Alkoholgetränken und im Zigarettenqualm, er, seine Frau, Freundinnen und Freunde, fast Nacht für Nacht bis in die Vormittagstunden, unendliche Reden führend und unendlich schweigen könnend, halb schlafend, halb wachend, zusammen, immer neue Grogs brauend, immer neue Zigarettenschachteln öffnend. Und mein Hirn tanzte bald, überreizt von Nikotin- und Alkoholvergiftung, und ich fühlte mich in jenen Winterwochen weder körperlich noch geistig lebend. Es war mir in jenen Nächten oft, als wären wir alle Spukgestalten geworden, die Frauen wie die Männer jenes Kreises. Wenn sie lachten, wenn sie sprachen, wenn sie schwiegen, waren sie mir wie eine Gespenstergesellschaft, die erst der anbrechende dunkle Wintermorgen scheuchte.
Aber sobald wieder nachmittags die Straßenlaternen angezündet waren und überall künstliches Licht war, fand sich auf der Alkoholwolke und auf den Tabakswolken die Spukgesellschaft wieder zusammen, mit wirren geistblitzenden verzerrten Gelächtern die lange Nacht ausfüllend.
Przybyszewski spielte Chopin, wenn er bei Laune war. Das sonst so öde Klavier wurde dann zu einer Hölle, die er mit wild tastenden Händen öffnete. Und die Töne fraßen Ordnung und Gesetze und Gedanken blindlings aus den Hirnen aller Zuhörer fort, und Töne, Menschen und Zeiten wurden zum Chaos. Kein Leben behielt mehr seine Form und seinen Sinn. Nur der Einsturz alles Lebens und die Vernichtungsfreude schien in den Tönen zu funkeln, wie der glühende Alkohol in den Gläsern und wie die Feuerpunkte der Zigaretten zwischen den Lippen der Menschen, die da in Sesseln und Sophas auf den Teppichen herumlagen und herumhockten.
Und da war kein stilles Kreisen der Gestirne, kein geordnetes Planetenleben mehr an dem Nachthimmel draußen, der zu den Fenstern auf uns und auf den spielenden Polen sah. Es war, als schossen vor meinen Augen alle Sterne, Kometen geworden, wild und regellos durch den Nachtraum.